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„Publikumsbeschimpfung“ – Erfolg mit einem Skandal

Frankfurt am Main „Publikumsbeschimpfung“ – Erfolg mit einem Skandal

Meilenstein der Bühnengeschichte: Vor 50 Jahren ließ Peter Handke vier Schauspieler die Zuschauer maschinengewehrartig zutexten.

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Schauspieler Thomas Lawinky bei einer Aufführung von „Publikumsbeschimpfung“ im Schauspielhaus Hamburg.

Quelle: Fotos: Dpa

Frankfurt am Main. . Der Abend war ein Skandal und ein Triumph – und endete für den Dichter und sein Team im Gefängnis. Vor 50 Jahren, am 8.

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Meilenstein der Bühnengeschichte: Vor 50 Jahren ließ Peter Handke vier Schauspieler die Zuschauer maschinengewehrartig zutexten.

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Juni 1966, wurde in den Räumen des Frankfurter „Theaters am Turm“, kurz TAT, die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke uraufgeführt. „Was das TAT für die Entwicklung der Möglichkeitsräume des Theaters getan hat, ist nicht hoch genug einzuschätzen“, schreibt der Komponist Heiner Goebbels. Die Impulse, die vom TAT ausgingen, sind heute unbestritten. Zu den prägenden Figuren zählte Rainer Werner Fassbinder.

„Die Geburtsstunde des neuen TAT“, schreibt der Verleger Karlheinz Braun, war „der überwältigende Erfolg der Publikumsbeschimpfung“. Als Theater-Verleger bei Suhrkamp hatte Braun das Stück als Erster in den Händen. Er schickte es an einige Intendanten, was, wie er sich heute erinnert, „überaus heftige Reaktionen hervorrief: Sind Sie denn völlig verrückt geworden?“ Nur Claus Peymann und Wolfgang Wiens wollten das Stück, das keiner spielen wollte, auf die Bühne bringen.

„Die Schauspieler quälten sich nicht wenig mit dem ungewohnten Sprechtext ohne Unterfütterung durch eine Figur“, erinnert sich Braun an die Proben. Die Lösung, wie man das Stück denn inszenieren könnte, lieferte die Musik: Die vier Sprecher gestalteten den weitgehend handlungslosen Text „im Rhythmus Beat“.

Die Reaktionen des beschimpften Publikums waren erwartungsgemäß kontrovers. Lachen, Zwischenrufe, einer wollte mitspielen und enterte die Bühne, am Ende Pfiffe und Jubel. Der Dichter setzte sich an die Rampe, dirigierte den Applaus und sandte Kusshände ins Publikum. Nach der Uraufführung feierte die Truppe in einer Spelunke im Rotlichtviertel, legte sich mit der Bedienung an und flog hochkant raus. O-Ton Braun: „Auf der Straße riefen die jetzt empörten Publikumsbeschimpfer nach ihrem Recht und der Polizei, die auch mit zwei Streifenwagen erschien, sich aber zur Verblüffung der Theaterleute auf die Seite der Rotlichter zu stellen schien, worauf Handke und die Theatergruppe anfingen, ,Nazipolizei’ zu skandieren, was diese dann zum Anlass nahm, sie in die Zellen des 4. Polizeireviers zu verfrachten.“

Nach diesem Paukenschlag war das TAT eine Marke, Peymann gefragter Regisseur und Handke „der erste Popstar unter Deutschlands Dichtern“. Ende der 1960er Jahre etablierte es sich als überregional beachtetes, „zeitkritisches, politisch mutiges und innovatives Theater“. In den 70ern war das TAT geprägt vom ermüdenden Ringen um die Mitbestimmung am Theater. Dann begann das langsame Sterben: Es gab kein festes Ensemble mehr, nur noch Gastspiele und Koproduktionen. Nach einem ersten Schließungsversuch wurde die Ära TAT 2004 endgültig beendet – ein spezielles Lehrstück in kultur- und stadtpolitischer Inkompetenz. Sandra Trauner

LN

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