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Punker-Pathos und Ekstase

Hamburg Punker-Pathos und Ekstase

Die Toten Hosen verzücken ihre Gemeinde auf der Trabrennbahn in Hamburg.

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Alterslos und gut in Form: Campino in Hamburg.

Quelle: Foto: Jazzarchiv

Hamburg. 15 000 Punkrockfans können nicht irren: Mit einem frenetisch bejubelten Open-Air-Konzert feierten die Toten Hosen auf der Hamburger Trabrennbahn den „Ballast der Republik“.

Bereits im letzten Jahr hatten die Düsseldorfer an zwei Tagen mit Songs des gleichnamigen Albums und Klassikern die O2 World beehrt. Unter freiem Himmel legten Sänger Campino und seine Rumpelrocker Kuddel, Andi, Vom und Breiti nochmals einen Zahn zu.

„Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie geil das ist, endlich mal nicht in diesen beschissenen Mehrzweckhallen spielen zu müssen“, freut sich der alterslose Campino. Bestens gelaunt hat der Sänger seine Gemeinde von der ersten Minute an im Griff. Da ist eine Frage wie „Ihr habt doch nichts dagegen, wenn wir die alten Sachen rausholen?“ rein rhetorischer Natur. Zu Punkperlen wie „Achterbahn“, „Opelgang“, dem „Bofrostmann“ und dem Erstling „Eisgekühlter Bommerlunder“ wird kollektiv gesprungen, gerempelt und gejohlt, als gäbe es kein Morgen.

Was bei anderen Berufsjugendlichen prätentiös wirken mag — der 51 Jahre alte Campino wirkt ungekünstelt. Er stolziert über die Bühne, holt einen textsicheren Fan zu sich und setzt gemeinsam mit einem zum Hechtsprung ins Publikum an, lässt sich beim Crowdsurfing tragen und grimassiert für eine Live-DVD in die Handycam. Die wilden Jahre scheinen trotz der kolportierten Exzesse spurlos an dem drahtigen Mann mit der Strubbelfrisur vorbeigegangen zu sein.

Neben „Schrei nach Liebe“, eine Coverversion des Stücks der befreundeten Band Die Ärzte (Campino: „Eine aufstrebende Nachwuchsband aus Berlin“) wird auch der eigene Anti-Nazi-Hit „Sascha“ zum Besten gegeben. Als darauf ein kollektives „Nazis raus“ skandiert wird, freut sich der charismatische Frontmann: „Das ist immer noch der schönste Moment.“ Punker-Pathos auch bei Klassikern wie „Tage wie dieser“. Über dessen Verwendung während Wahlkampfveranstaltungen von CDU und SPD hatte Campino sich just noch echauffiert. Beim Reggaerock „Zehn kleine Jägermeister“ gibt‘s dafür eine Spitze gegen die deutsche Justiz: „Sechs kleine Jägermeister wollten Steuern sparen. Hoeneß wurde eingelocht, der Rest der musste bezahlen.“

Nach gefühlten zwölf Zugaben und dem Stadionrausschmeißer „You‘ll never walk alone“ darf der beseelte „Hosen-Mob“ glücklich nach Hause wanken.

Alexander Bösch

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