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. Wer den Hungerwinter vor 100 Jahren bewusst erlebt hatte, der verspürte für den Rest seines Lebens eine gewaltige Aversion gegen ein bestimmtes Gemüse (wenn man es denn überhaupt so bezeichnen kann).

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Lübeck. . Wer den Hungerwinter vor 100 Jahren bewusst erlebt hatte, der verspürte für den Rest seines Lebens eine gewaltige Aversion gegen ein bestimmtes Gemüse (wenn man es denn überhaupt so bezeichnen kann). Dieser dritte Winter im Ersten Weltkrieg wurde später als „Steckrübenwinter“ bezeichnet, weil diese Rübe als nahezu einziges Lebensmittel im Deutschen Reich noch in größeren Mengen verfügbar war. Kartoffeln gab es kaum noch, Brot war knapp und wurde immer mehr mit Ersatzstoffen versetzt, an Reis und Teigwaren war kaum zu denken. Die Steckrübe, mit der die Bauern zuvor ihre Schweine gemästet hatten, musste nun als Allround-Lebensmittel dienen. Es gab Steckrüben-Schnitzel, Steckrüben- Pudding, Steckrüben-Marmelade: Kein Wunder, dass Menschen, die sich von solchen Lebensmitteln ernähren mussten, sich später vor den Rüben ekelten.

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. Wer den Hungerwinter vor 100 Jahren bewusst erlebt hatte, der verspürte für den Rest seines Lebens eine gewaltige Aversion gegen ein bestimmtes Gemüse (wenn man es denn überhaupt so bezeichnen kann).

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Der Winter 1916/17 war streng und lang. Und ausgerechnet in diesem Winter trat eine rapide Verschlechterung der Versorgung mit Lebensmitteln ein. Vor dem Krieg war das Deutsche Reich der größte Lebensmittelimporteur der Welt gewesen, fast ein Drittel der im Lande verbrauchten Esswaren kam aus dem Ausland. Für einen langen Krieg gab es keine Reserven – Deutschland war für einen solchen Konflikt in Bezug auf die Versorgung von Armee und Bevölkerung mit Lebensmitteln nicht gerüstet. Schon bald mussten Fleisch, Milchprodukte und Brot rationiert werden, Leder wurde ebenso knapp wie Kohle, die bevorzugt in die Stahlwerke geliefert wurde, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten.

Als es dann im feuchten Herbst 1916 zu einer Missernte an Kartoffeln kam – die Kartoffelfäule hatte einen großen Teil der Knollen vernichtet –, wurde die Lage unhaltbar. Zudem zeigte die britische Seeblockade immer mehr Wirkung, Deutschland wurde zunehmend von den notwendigen Importen abgeschnitten.

Die Briten und ihre gegen das Völkerrecht verstoßende Blockade machte man schon während des Krieges als die großen Bösewichte aus. „Gott strafe England“ lautete der patriotische Gruß, die Antwort:

„Er strafe es!“ Dabei war es vor allem die unfähige deutsche Verwaltung, die zu der Hungersnot im Steckrübenwinter 1916/17 führte. Viel zu niedrige staatliche Ankaufspreise für Getreide sorgten zum Beispiel dafür, dass viele Bauern ihr Korn lieber an ihr Vieh verfütterten, als es auf den Markt zu bringen – mit Fleisch war deutlich mehr Geld zu verdienen. Auch die Verteilung der vorhandenen Lebensmittel war chaotisch, ausgerechnet im sonst so auf Ordnung bedachten Deutschland gelang es nur mit sehr viel Zeit und Mühe, ein funktionierendes Verteilungssystem aufzubauen.

Die Folge war, dass immer mehr Menschen vor allem aus den unteren sozialen Schichten sich nicht mehr ausreichend ernähren konnten. 1000 Kalorien pro Tag gab es – das reichte bei weitem nicht. Wer den Platz dazu hatte, züchtete Kaninchen oder Hühner, um etwas Zukost zu erzeugen. Aber immer mehr Menschen waren auf die direkte Versorgung durch den Staat angewiesen. Die Zahl der Kriegsküchen stieg ständig. Zunächst bestand keine Markenpflicht für diese öffentliche Speisung, wer die Kriegsküchen- Suppen zu sich nahm und zusätzlich von den ihm zugeteilten Marken-Rationen lebte, kam einigermaßen zurecht. Die Markenpflicht für die Kriegsküchen aber wurde bereits nach wenigen Monaten reichsweit eingeführt.

Auch in Lübeck waren Lebensmittel knapp, jedoch war die Lage nicht so schlimm wie in den Großstädten. In der Hansestadt gab es vier Kriegsküchen, die zur Zeit der schlimmsten Not im Februar 1917 fast 200000 Liter Eintöpfe und Suppen ausgaben. Die Auswahl an Speisen klingt nicht schlecht: Leipziger Allerlei, Graupen mit Julienne, Saure Suppe und natürlich Steckrübeneintopf. Im Kriegsjahrbuch der „Vaterstädtischen Blätter hieß“ es beschönigend: „Fleisch wird, dem allgemeinen Wunsche der Besucher der Kriegsküchen entsprechend, nicht mehr zu den Kochungen verwendet.“ Der wahre Grund war der Mangel an Fleisch.

Der Steckrübenwinter hatte auch politische Folgen. Es kam wegen der schlechten Versorgungslage zu Massenstreiks auch unter den Munitionsarbeitern, die SPD mühte sich nach Kräften, die Streiks zu beenden. Darauf gründeten Mitglieder der SPD-Reichstagsfraktion die neue Partei „Unabhängige Sozialdemokraten“, die später zu einer der Kernzellen der KPD werden sollte.

Viele Informationen über Lübeck im Ersten Weltkrieg bietet das Buch „So blickt der Krieg in allen Enden hindurch“, erschienen bei Schmidt-Römhild, 272 Seiten, 19,90 Euro .

Rüben-Püree mit Sellerie

Den Sprung in die Haute Cuisine hat die unscheinbare Rübe noch nicht geschafft. Modern interpretiert, kann man aus Steckrüben aber durchaus wohlschmeckende Gerichte herstellen. So zum Beispiel ein Püree, das hervorragend zu gebratenem Fleisch passt.

Man nehme für vier Personen ein Kilogramm Steckrübe (gewürfelt) und 300 Gramm Sellerie. Während das Gemüse weichkocht, zwei Schalotten und zwei Knoblauchzehen (beide fein gehackt) in Olivenöl glasig dünsten. Wenn das Gemüse weichgekocht ist, Kochflüssigkeit abgießen, Schalotten und Knoblauch sowie zwei Esslöffel Schmand zugeben. Dann alles mit dem Pürierstab in ein Püree verwandeln. Am Ende werden noch zwei Esslöffel geriebener Parmesan, ein Bund fein gehackter Petersilie und etwas Butter untergerührt – fertig.

Jürgen Feldhoff

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