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Kultur im Norden „Der Krieg war immer im Raum“
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16:19 28.09.2018
Ein Flüchtlingstreck in Lübeck auf einer nicht genau datierten Aufnahme von 1944 oder 1945. Quelle: LN-Archiv
Lübeck

Im Interview spricht Autor Ralf Rothmann über das Schicksal seiner Eltern – und das einer ganzen Generation.

Es gibt so vieles, was an Ihrem Buch auffällt, unter anderem die Detailgenauigkeit bis hin zur Prägung im Seifenstück. Woher kommt das?

Ich bin ein sehr sinnlich wahrnehmender und sehr genau schauender Mensch. Ich wollte mal Maler werden, insofern habe ich mir wahrscheinlich eine gewisse Genauigkeit des Blicks angeeignet. Eines meiner ersten Schlüsselerlebnisse mit der Malerei war der Fotorealismus Anfang der Siebzigerjahre, vielleicht hat es damit zu tun.

Und Sie waren offenbar auch bei der Geburt eines Kalbes dabei.

Nein, bei der Geburt eines Ponys, das habe ich im Buch dann übertragen. Ich habe mal auf einem Trabergestüt gearbeitet, da kamen im Mai die Fohlen zur Welt. Ich musste tatkräftig mit zupacken, was keine leichte Sache war. Das hat sich bis in den Muskelkater hinein eingeprägt.

Haben Sie mit Ihren Eltern über diese Zeit geredet, den Krieg und die Jahre danach?

Meine Eltern stammten ja aus der Generation, die eigentlich gar nicht darüber reden wollte. Selbst wenn man sie gelöchert hat, bekam man nur fragmentarische Antworten, irgendetwas Nebuloses. Man musste sich gewissermaßen einfühlen in das Vakuum, das sie hinterließen. Auch im Gespräch mit Nachbarn und mit alten Freunden gab es nur dieses Bruchstückhafte.

Aber Sie haben versucht, mit Ihren Eltern darüber zu reden?

Ja, natürlich. Als mein Vater starb, habe ich ihm auf dem Sterbebett noch mal eine Kladde gegeben, damit er mir wenigstens stichpunktartig aufschreibt, was genau vorgefallen war. Aber außer ein paar Ortsnamen stand da nichts drin. Und wenn ich meine Mutter fragte, die auf der Flucht aus dem damaligen Westpreußen vergewaltigt wurde, sagte sie nur: Ja, einmal hat mich einer geschnappt, aber jetzt frag’ nicht mehr. Und dann wurde darüber auch nicht gesprochen.

Offenbar haben Sie nicht erst lernen müssen, dass das, was in der Schule im Geschichtsbuch stand, das Leben Ihrer Eltern war?

Mir war das insofern immer klar, als mein Vater zwangsrekrutiert bei der Waffen-SS war und deren Angehörige ihre Blutgruppentätowierung am Oberarm trugen. Das sahen wir Kinder natürlich, wenn mein Vater zu Hause im Turnhemd herumlief. Der Krieg war damit immer im Raum. Und natürlich haben wir ihn gefragt: Hast du auch geschossen? Hast du auch getroffen? Da ist mein Vater bis in die Herzspitze hinein verstummt, hat meine Mutter angeschaut und gefragt: Was soll ich denn jetzt sagen? Da war etwas Unausgesprochenes oder auch Unaussprechliches, und da kam man nicht dran. Da bleibt einem Schriftsteller nichts anderes, als mit allen Indizien, die man hat und recherchieren kann, sich vorzustellen, wie es gewesen sein könnte.

Von der Arroganz aus Teilen Ihrer Generation, die in den Vorwürfen an die „Ewiggestrigen“ mitschwang, ist da nichts zu spüren.

Ich gehörte ja nicht zu der 68er Generation, die mit der Elterngeneration abrechnen wollte und sie pauschal als schuldig empfunden hat. Mein Vater war kein Nazi. Er hat sein Leben lang die Sozialdemokraten gewählt, und wenn man ihn auf den Krieg ansprach, war seine Pauschalantwort immer: Alles Idioten! Ich habe meinen Vater geliebt und aus der Liebe heraus versucht, ihn zu verstehen. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass er sich bei irgendetwas schuldig gemacht hat. Wenngleich das nicht auszuschließen ist bei dem Schweigen, mit dem er sich auch umgab.

Das Buch ist nach „Im Frühling sterben“ das zweite, das sich mit dem Krieg beschäftigt. Diese Zeit lässt Sie offenbar momentan nicht los.

Als ich das erste geschrieben hatte, habe ich gedacht: Nie wieder. Diese Naziwelt deprimiert einen ja nur. Aber während einer Lesung im Literaturhaus Kiel mit diesem Buch kam eine ältere Dame auf mich zu und sagte, sie habe meinen Vater gekannt als Melker auf dem Gut. Da war sie ein zwölfjähriges Mädchen, mein Vater stand mit 18 Jahren kurz vor der Zwangsrekrutierung. Und wie sie von ihm erzählte, mit leuchtenden Augen, da dachte ich: Wahrscheinlich war sie in ihn verliebt. Das war im Grunde die Initialzündung für „Der Gott dieses Sommers“.

Ist es das Schicksal einer Generation, die vorherige nicht zu verstehen?

Wahrscheinlich sind wir alle damit geschlagen. Man kann es ja letztlich auch nicht verstehen. Die Generation meiner Eltern lebte in einem permanenten Ausnahmezustand. Die sind in der Nazizeit zur Schule gegangen, im Krieg verheizt worden, im Wirtschaftswunder wieder, aber zur Ruhe gekommen sind sie nie. Sie zu verstehen, das maße ich mir nicht an.

Sie beschreiben auch die Situation der Flüchtlinge und die Ablehnung, die ihnen entgegenschlug. So sehr viel hat man seither offenbar nicht gelernt.

Da sieht man erschreckende Parallelen. Bei der Recherche habe ich Fotos von norddeutschen Feldscheunen gesehen, auf denen stand: „Flüchtlinge fressen sich dick und fett und stehlen uns unser letztes Bett.“ Da zuckt man zusammen, auch wenn man die Situation sicher nicht mit der von heute vergleichen kann. Da wurde die Einquartierung teils mit Waffengewalt erzwungen.

Auch wenn man sich die Einschübe in Ihrem Buch anschaut mit den Schilderungen aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, ist nicht viel besser geworden. Woher haben Sie überhaupt diese Sprachgewalt?

Ich weiß es selbst nicht genau. Ich habe diese Passagen aus einem gewissen Ungenügen heraus geschrieben, weil mir in der eigentlichen Erzählung etwas fehlte. Dann kamen diese Einschübe im Grunde aus heiterem Himmel, auch wenn ich nicht sehr bewandert bin in barocker Literatur. Eher schon habe ich früh Meister Eckhart gelesen, vielleicht ist da einiges hängen geblieben. Aber es ist schon richtig: Offenbar sind wir verdammt, nicht allzu viel aus der Geschichte zu lernen. Die Barbareien, die noch kommen werden, sehen wir nicht voraus.

Arbeiten Sie am dritten Buch, das auch in diese Zeit fällt?

Ich wollte es nicht, aber auf meiner Lesereise wurde bei jedem Gespräch gesagt: Jetzt müssen Sie aber eigentlich noch über Ihre Mutter schreiben. Da dachte ich: Wenn das so massiv auf dich zukommt, musst du das wohl machen.

Peter Intelmann

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