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Raoul Schrott im Interview: „Glaube ist nichts Wünschenswertes“

Lübeck Raoul Schrott im Interview: „Glaube ist nichts Wünschenswertes“

Der Autor Raoul Schrott startet in Lübeck eine Ringvorlesung. Ein Gespräch über All, Erde und Mensch - und wie das alles zusammenhängt.

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„Erste Erde Epos“ heißt das jüngste Buch von Raoul Schrott. Es ist im vergangenen Jahr erschienen und umfast die Spanne vom Urknall bis zum Menschen.

Quelle: Fotos: Fotolia, Peter-Andreas Hassiepen

Lübeck.  

 

LN-Bild

Sie haben für Ihr Buch sieben Jahre den Weg vom Urknall zum Homo Sapiens erforscht. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Raoul Schrott: Es sind so viele, für mich neue Erkenntnisse auf allen Ebenen, dass ich jetzt gar nicht wüsste, was davon hervorheben: Mein Weltbild hat sich durch die Arbeit an diesem Buch grundlegend gewandelt. Dabei aber hat sich auch eine übergreifende Perspektive aufgetan: das Bewusstsein, dass alles kontinuierlich auseinander hervorgegangen ist – die ersten vier Elemente aus dem Urknall; aus ihnen wiederum die Sonnen, welche die restlichen Elemente gebildet haben; daraus die Erde; aus den ihr eigenen chemischen und mineralischen Prozesse das Leben; und daraus in vielfältigen Anpassungen an die sich ständig wandelnde Umwelt schließlich der Mensch – samt seinen Kulturformen. Es ist das, was die Wissenschaften „Emergenz“ nennen. Daraus ergibt sich auch ein völlig anderes, gewissermassen ganz von unten herauf erkennbares Menschenbild – bei dem das, was wir für unsere spezifische Eigenart halten, das Geistige, bloß eine dünne Oberfläche auf der Biologie des Humanen darstellt.

 

Sind für Sie jetzt mehr Fragen offen als beantwortet – und wenn ja, welche?

Schrott: Ich habe, das mag vielleicht seltsam klingen, alle Fragen, die mich interessiert haben, beantwortet bekommen. Natürlich nicht immer vollständig und erschöpfend. Aber ich weiß jetzt, welche Architektur unsere Sphäre aufweist, wie weit ihre Eckflächen von mir entfernt oder wie nahe sie mir sind, wie groß etwa oder wie klein, welches Gebilde sie als Ganzes ergeben, auch wenn der Anfang, der Urknall, unbegreiflich bleibt. Und ich fühle mich – auch wenn es schwer ist, den eigenen Standort in diesem Gebilde genau auf den Punkt zu bringen – zum ersten Mal wirklich daheim. Ich weiß sozusagen, was den Boden unter meinen Füßen ausmacht, was den Himmel, und was alles darunter und darüber.

 

„Was macht, dass wir leben?", hat Sie Ihre Tochter gefragt. Ja, was macht, dass wir leben?

Schrott: Zunächst einmal kein Es, das aktiv eingreift, um Leben zu schaffen. Es sind vielmehr all die unterschiedlichen, in Sonnen entstandenen Elemente und ihre Reaktionen miteinander – Wasserstoff, Kohlendioxid, eisen- und nickelhaltige Minerale als Katalysatoren und Fettfilme –, welche unter der Nutzung vorhandener Energien Leben hervorgebracht haben. Leben, das ja zunächst nichts anderes ist als der Vervielfältigungsprozess all dieser Molekülketten: ein beständiges Kopieren seiner selbst – ob bei Bakterien oder bei uns und unseren Kindern. Dieses Materielle macht, dass wir leben. Was wir daraus dann aber machen, ist eine andere Frage.

 

Ist die Erde und das Leben auf ihr ein grandioser Zufall oder ein grandioser Plan?

Schrott: Soweit sich sagen lässt, weder das eine noch das andere. Ganz sicherlich kein Plan irgendeines Wesens, das in die Läufte dieses Universums eingegriffen hat, um Leben entstehen zu lassen (nichts bedarf einer solchen Intervention), aber auch kein Zufall. Vielmehr weist der Umstand, dass Leben auf der Erde bereits sehr, sehr früh entstanden ist – nicht lange nach der Entstehung des Mondes – auf eine gewisse Zwangsläufigkeit hin, da die Stoffwechselprozesse des Lebens sich allein der vorhandenen Materie ergeben haben.

 

Fällt die Erde da aus dem Rahmen?

Schrott: Auch die Erde scheint kein Sonderfall zu sein: Erdähnliche Planeten, auf denen es Leben möglich sein könnte, hat man in den letzten Jahren zu Tausenden entdeckt. Die Frage ist eher, ob oder wann wir bei der immensen Größe des Universums belebte Planeten identifizieren können. Wobei man bei „Leben“ nicht an das denken sollte, was uns vordergründig erscheint – tierisches und pflanzliches Leben –, sondern an jene Lebensformen, die seit über vier Milliarden Jahren bestehen und den weitaus größten Teil unserer Biomasse ausmachen: nämlich Mikroben.

 

Warum haben Sie in Ihrem Buch das Göttliche außen vor gelassen?

Schrott: Weil ich weder an einen Gott glaube noch den Glauben selbst für etwas Wünschwertes halte. Das ist zunächst eine bloße Frage des Temperaments – und der Lust am Wissen, mit dem nicht nur unsere emotionale Seite, sondern auch unser Intellekt die Welt ergründen kann: auf hinterfragbare und nachvollziehbare Weise. Dank unseres Verstandes aber stoßen wir dabei auf mindestens ebenso grandiose Mysterien wie jene, die wir Gott zuschreiben. Nur dass sie dann nicht einfach naiv gesetzt sind, sondern Folge unserer rationalen Fähigkeiten – die uns aber stets zur Poesie führen werden, um das Unauslotbare, Gleichgültige und Immense des Kosmos mit unserem simplen menschlichen Denken wenigstens ansatzweise imaginieren zu können. Darin jedoch irgendein Wesen zu sehen, das uns dazu noch ähnlich sein soll, das halte ich für kindlich. Und letztlich arrogant: Weil wir damit uns, die wir doch bloß vorläufige Formen einer beständig sich ändernden Evolution sind, auf das Universum projizieren. Nichts an den Gesetzen der Welt weist auch nur im Geringsten darauf hin, dass die Welt nach menschlichem Muster geschnitten ist – auch nicht in den übergroßen Proportionen jener Personifikationen, die wir Götter nennen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb ich das Göttliche außen vor gelassen habe: Die biblische Genesis gibt es schon. Ich wollte eine andere Genesis schreibene – jene, die sich aufgrund unseres modernen Wissenstandes erzählen lässt.

 

Der Mensch, sagen Sie, ist verdichteter Sonnenstaub, ein Nichts im Grunde. Fehlt es vor allem an Demut in der Welt?

Schrott: Ja, wenn wir Demut weniger als etwas Christliches, denn als grundlegende existentielle Haltung auffassen. Deren Kehrseite die Selbstbehauptung ist, eine Revolte gegen sie. Beides verortet uns in dieser Welt, im etymologischen Sinn von Religion als re-ligio – Rück-Bindung des Menschen an die Welt. Aus der er hervorgegangen ist und in der er sich zugleich behauptet, ob im Guten oder Schlechten. Das Bewusstsein, dass jedes einzelne unserer Atome schon mehrmals Teil einer Sonne war, bindet uns in die Welt, aus der wir deshalb nicht fallen können. Das ist ein Trost. Jeder Blick in den Nachthimmel zeigt, dass wir so gesehen nicht verloren gehen. Dennoch aber sind wir – nein: erleben wir uns als mehr als diese Atome. Und da ist die Auflehnung gegen dieses rein Materielle berechtigt: Sie ist der Trotz, zu dem wir allen Grund haben. In dieser Spannung zwischen Trost und Trotz besteht unser Verhältnis zur Welt. Es erhält dadurch seine Lebendigkeit. Und in der Widersprüchlickeit von Trost und Trotz auch etwas Poetisches.

 

Die Raumsonden Voyager 1 und 2 fliegen seit 40 Jahren durchs All. Worauf, denken Sie, werden sie eines Tages stoßen?

Schrott: Nach Äonen an Leere entweder auf eine Sonne, einen Planeten oder ein Schwarzes Loch. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie auf Lebensformen stoßen sollten, die auch nur ansatzweise entziffern zu vermögen, wie wir uns da in Diagrammen, Bildern und auch Musik darstellen, wird das wohl ein unvorstellbares Rätselraten ihrerseits, was das für eine Zivilisation war. Nicht zuletzt der Frage wegen, wie sich diese auf den Plaketten eher geschlechtlos dargestellten Wesen überhaupt vermehren konnten.

 

Der Astrophysiker Carl Sagan ging in unserer Galaxis von einer Million Zivilisationen aus, die mit uns kommunizieren können. Und wenn es nur eine gäbe: Was bedeutete das für uns auf der Erde?

Schrott: Es würde unsere bisherige Sonderstellung im Universum aufheben. Diese narzisstische Kränkung, irgendwo ganz alleine in einem völlig abgelegenen Winkel einer x-beliebigen Galaxie zu sitzen. Es würde uns aber auch auf konkrete Weise – und nicht nur durch physikalische und chemische Formeln – vor Augen führen, dass wir nur ein Teil der Welt sind.

 

Wird es ein „Zweite Erde Epos" geben?

Schrott: Der Titel „Erste Erde Epos“ war auf jene Erde gemünzt, wie sie vor dem Menschen war. Auf seine Vorgeschichte und der unseres Sonnensystems. Es hört deshalb auch bei der Erfindung der Schrift und den Felsmalereien auf. Ab da gibt es die uns bekannte Geschichte. Ab da beginnt die „Zweite Erde“, mit dem Anthropozän, auf dem die Spuren des Menschen überall auf diesem Planeten ablesbar sind, weil er ihn zu überprägen beginnt. An diesem Zweiten Erde Epos schreiben wir alle – schon lange, schon seit mehr als zehntausend Jahren. Was das für eine Geschichte wird, das haben wir selber in der Hand. Leider, wie man immer öfter einwenden möchte.

Interview: Peter Intelmann

Die letzten 14 Milliarden Jahre

Raoul Schrott (53) ist eine Mehrfachbegabung. Er hat über Dadaismus promoviert, ist habilitierter Literaturwissenschaftler und hat an mehreren Universitäten gelehrt. Er schreibt u. a. Essays, Romane und Lyrik und hat Homers „Ilias“ sowie das „Gilgamesh“-Epos neu übersetzt.

Sein jüngstes Buch heißt „Erste Erde Epos“ und befasst sich auf rund 850 Seiten mit der Geschichte der Erde von der Entstehung des Universums bis zur Höhlenmalerei. Er handelt also knapp 14 Milliarden Jahre ab, und er tut das in einer Mischung aus Poesie und Wissenschaftlichkeit. Am Donnerstag, 20. April, startet er mit einer Veranstaltung in der Petrikirche (19 Uhr) eine siebenteilige Ringvorlesung zum Thema „Weltanschauung“. Den Abschluss bildet am 13. Juli ein Abend mit Markus Gabriel, der sich in der deutschen Philosophie rasch einen Namen gemacht hat.

LN

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