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Ratschläge und Schläge für den Kandidaten

Berlin Ratschläge und Schläge für den Kandidaten

Im Willy-Brandt-Haus Berlin traf Günter Grass auf Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzleranwärter hat das Moralgewitter überlebt.

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In der Berliner SPD-Parteizentrale trafen sie aufeinander: Literaturnobelpreisträger Günter Grass und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Im Grunde sind sich der Klartext-Experte und der Vertreter des intellektuellen Deutschland im Streben nach höherer Moral einig.

Quelle: Foto: dpa

Berlin. Es soll Sozialdemokraten geben, die gehofft hatten, dass sich die Unterstützung durch Günter Grass im Wahlkampf diesmal „aus Altersgründen“ erübrigt; da kennen sie den Unverwüstlichen aber schlecht.

Der Kandidat Peer Steinbrück ist ja nun einiges gewohnt an medialem Druck. Ob es klug ist, den Kandidaten auch noch einem Moralgewitter auszusetzen? Ein solches muss man befürchten, sobald man Grass zu sich nach Hause einlädt.

Die Begegnung zwischen Steinbrück und dem bedeutendsten lebenden Literaten deutscher Sprache wurde anhand eines Buches inszeniert: des Briefwechsels von Grass mit Willy Brandt (LN vom 3. Mai 2013). 288 Briefe hat der Steidl- Verlag veröffentlicht, geschrieben zwischen den frühen 1960er Jahren und dem Tod Brandts 1992. Während Günter Grass seitenweise Vorschläge und andere Einmischungen versendet — meist nur für den Archivkeller —, speist Brandt den Dichter mit Dreizeilern ab. Nur hier und da greift der Außenminister und spätere Bundeskanzler Formulierungen auf, so stammt Brandts Wahlspruch „Mehr Demokratie wagen“ aus Grass‘ Feder.

Zur Lesung aus dem Briefwechsel ist das Foyer des Willy-Brandt- Hauses in Berlin rappelvoll, die Leute stehen drei Stunden lang klaglos an den Wänden aufgereiht. Steinbrücks Anwesenheit ist besonders apart, weil Grass seinerzeit seinem Briefpartner Brandt eindringliche Ratschläge gegeben hat, wie er mit der widerborstigen SPD verfahren solle, mit dieser unsäglichen Sucht zur Selbstzerfleischung und mit diesem verdammten Niederlagenfatalismus. Natürlich wird auch das vorgetragen und prompt grummelt es in der Zuhörerschaft, aber der Kandidat hört die Worte und lächelt in sich hinein.

Die Schauspieler Burghardt Klaußner und Dieter Mann lesen so eindringlich, dass sie beinahe vor den Augen ihrer Zuhörer verschwinden und an ihrer Stelle zwei andere Männer sitzen. Mann hat den einfacheren Part, er liest die knappen Antworten Brandts, Klaußner liest Grass, den aufdringlichen Wahlkampfhelfer, den Klugscheißer.

Auf sonderbare Weise sind die Briefe zeitgemäß. Im Herbst 1966 warnt Grass Willy Brandt, nur ja nicht in einer große Koalition einzusteigen, das ergebe nichts als eine „miese Ehe“. Man könne nicht wissen, was für eine „Herde von Flaschenteufeln“ man da herauslasse, wenn die Überlegungen öffentlich würden, auf welche Weise die SPD die Macht erringen wolle.

Nach der Lesung setzen sich Grass und Steinbrück zusammen aufs Podium, und Wolfgang Thierse bittet Grass, doch dem künftigen Kanzler Steinbrück auch solche Ratschläge zu erteilen. Da bricht der Furor schon los. Grass, vital und wortmächtig, nennt die Armut in diesem reichen Land eine Schande, mahnt Steinbrück in diesem Punkt nicht nachzulassen, und bescheinigt der SPD, sie komme daher, als ob sie „Blei an den Sohlen“ habe. Zum Glück bedenkt Grass auch die Bundeskanzlerin mit ätzender Kritik: Angela Merkel habe eine „doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung“ erfahren: als FDJ- Funktionärin in der DDR und dann unter Kanzler Kohl. „In der FDJ-Zeit hat sie Anpassung und Opportunität gelernt, bei Kohl natürlich den Umgang mit Macht.“ Grass hört man gern zu wie er zürnt, Steinbrück wirkt unterkühlt. Man kann es auch so sehen: Grass ist mit dem Herzen dabei, Steinbrück mit dem Kopf.

Das Buch
Als Willy Brandt 1961 Schriftsteller nach Bonn einlud, um sie für den Wahlkampf der SPD zu gewinnen, fehlte Günter Grass auf seiner Liste. Der Autor der „Blechtrommel“ sei Anarchist und für die Politik der Sozialdemokraten nicht zu haben, so wurde gesagt. Ein Irrtum. Der Autor stieg in den tagespolitischen Nahkampf ein, wie der Briefwechsel der beiden bezeugt.

„Willy Brandt und Günter Grass: Der Briefwechsel“, herausgegeben von Martin Kölbel, Steidl-Verlag, 1231 Seiten, 49,80 Euro.

Reinhard Urschel

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