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Kultur im Norden Ratzeburger Künstler im Haus Mecklenburg
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17:12 28.09.2018
Claudia Noffke mit dem Bild „Werft“ aus dem Jahr 1975 von der Ratzeburger Künstlerin Ilse Harms-Lipski.  Quelle: Petra Haase
Ratzeburg

Peter Schmidt kann sich noch gut erinnern an diesen Abend im Jahr 1978. Er war Bürgermeister und fuhr nach dem Dienst auf die Domhalbinsel. „Ich traute meinen Augen kaum, als ich am Haus Mecklenburg vorbeikam. Es sah bewohnt aus, hinter allen Fenstern schien Leben zu sein!“ Wenn er genauer hingesehen hätte, hätte er sich auf einem Bild sogar selbst wiedererkannt. Das ist 40 Jahre her, im damals total verfallenen Haus präsentiert die Galerie Noffke inzwischen moderne Kunst. Ab Sonnabend erinnert eine Ausstellung noch einmal an die damals spektakuläre Aktion Ratzeburger Künstler und präsentiert neben historischen Dokumenten deren Bilder, die immer noch Bestand haben.

Künstlerischer Kopf der Fenster-Aktion war damals die Malerin Ilse Harms-Lipski, die nach ihrer Flucht aus Ostpreußen in Ratzeburg eine neue Heimat fand und sich schon länger als Umweltaktivistin, wie man später sagen würde, für ihre Stadt und die Natur eingesetzt hatte – „gegen den Zeitgeist, die Abriss-Architekten, Chemie-Landwirte und deren Politik“, schreibt Galerist Augustin M. Noffke im Katalog. Sie habe nicht dem „handlungsfernen Prinzip Hoffnung“ gehuldigt, sondern gehandelt. Zusammen mit 17 Laienmalern schuf sie in mehreren Wochen farbenfrohe Fensterattrappen, die die marode Domkaserne wie das Haus Mecklenburg damals noch hieß (s. unten), ruckzuck in eine Freiluftgalerie verwandelten. Es war eine Initialzündung für die Sanierung – und für Claudia und Augustin M. Noffke ein schöner Anlass, an die Künstlerin sowie an Hans Bunge-Ottensen und Friedrich-Franz Pingel, zwei ihrer Weggefährten, zu erinnern.

„Heimat drei“ heißt die Ausstellung, und das hat nichts mit Heimattümelei zu tun, sondern zeigt, wie vielschichtig und ausdrucksstark die Kunst von drei fest in ihrer Umgebung verwurzelten Künstlern ist. Ilse Harms-Lipski (1927-2017), die an der Kunstakademie Kassel studiert hatte, malte neben urbaner Landschaft mit Industriegebäuden und moderner Technik auch Zirkusszenen und thematisierte Menschenrechtsverletzungen. Friedrich-Franz Pingel (1904-94), ein aus Mecklenburg stammender Pädagoge, setzte die norddeutsche Landschaft in spätimpressionistischer Weise in stimmungsvolles Licht, er tupfte die Jahreszeiten auf den Ratzeburger See und ließ das Licht um bunte Segelboote flirren.

Den Ratzeburger See zur blauen Stunde, den lichtdurchfluteten Eingang zum Garrensee hat Hans Bunge-Ottensen (1899-1983) in seinen expressiven Aquarellen festgehalten. Der vielseitige Künstler hat die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und die Münchner Kunstakademie absolviert, war Villa-Massimo-Preisträger 1923. Den Ratzeburgern ist er bis heute durch originell geschnitzte Weg-Zeichen bekannt. Mehr als 100 hat er für den Kreis Lauenburg geschaffen, einige sind in der Ausstellung zu sehen, andere weisen immer noch den Weg.

Alle Ausstellungsstücke sind Leihgaben von den Familien, Museen und Ratzeburgern. Diese einmalige Schau ist nicht nur für Ortsansässige interessant. Sie zeigt, wie die Welt mit Kunst, Witz und Mut ein bisschen zum Besseren gedreht werden kann.

Am Sonnabend, 29. September, um 15 Uhrwird die Ausstellung im Haus Mecklenburg eröffnet. Sie ist bis zum 21. Oktober zu sehen. Geöffnetist die Galerie sonnabends und sonntags von 11.30 bis 17 Uhr.

Petra Haase

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