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Refugium im Nirgendwo

Lübeck Refugium im Nirgendwo

Die Stipendiaten im Künstlerhaus Plüschow bei Grevesmühlen haben sich von der Weite der norddeutschen Provinz inspirieren lassen.

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Die Stipendiaten mit der Leiterin des Künstlerhauses, Miro Zahra (3. von rechts).

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. „Ich hatte mich mit keinem speziellen Konzept für Plüschow beworben, ich wollte mich von dem Ort und der Atmosphäre des Hauses inspirieren lassen“, erzählt Franziska Reinbothe (35). Die Studentin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig legt ihren Schwerpunkt auf Malerei — mit sehr eigener Handschrift. „Die reine Fläche, das Figürliche interessiert mich nicht“, sagt sie. Zwar arbeitet sie auch mit Leinwand und Farbe, aber nur, um die Materialien umzuformatieren. So fallen ihre Bilder wortwörtlich aus dem Rahmen, weil zum Beispiel die Leinwand in Streifen herunterhängt.

Ein großes blaues Bild hat sie zersägt, neu zusammengeschraubt und den zerstörten Stoff wieder vernäht. Sie beschattet Bilder mit Folie oder ritzt die Leinwand und lässt den Riss wie eine offene Wunde klaffen. Es ist die Auseinandersetzung mit Form und Material, die Franziska Reinbothe reizt. Und dazu betreibt sie eine Art Recycling, denn „bei mir geht kein Material verloren, ich verwende alle Reste weiter“.

Aus Wien ist Sonja Bendel (38) nach Plüschow gekommen und schwärmt von der Natur und der Ruhe. Farbintensiv leuchten ihre Bilder von den Wänden des geräumigen Ateliers. Die Künstlerin hat in Plüschow einige frühere Zeichnungen auf Leinwand übertragen. Sie malt mit Vinylfarben, mehrere Schichten überlagern einander und lassen die Bilder plastisch wirken.
Anregungen für ihre Arbeiten fand sie unter anderem im klassizistischen Ofen in ihrem Zimmer. Einige Ornamente gaben Form und Rhythmus für ihre Zeichnungen vor.
Qian Philip Tongji (26) stammt aus Shanghai, hat in Northfield und New York studiert — und spricht erstaunlich gut Deutsch. Als Austauschschüler verbrachte er ein Jahr in Flensburg und Marburg. Auf Schloss Plüschow widmet er sich der Druckgrafik. Das Prinzip Zufall bestimmt die Form: Er lässt Würfel über die hölzerne Druckplatte fallen, sie geben Punkte vor, die sich zu Linien und Formen verbinden. Mit schwarzer Farbe druckt Qian das Muster auf weißes Papier — dann noch einmal um 180 Grad gedreht. Inspiration erhält er auf seinen regelmäßigen Fahrten nach Schwerin und Wismar. „Ich muss weggehen, um zurückkommen zu können.“
Drei Monate in Abgeschiedenheit arbeiten zu können, macht für Anne Brannys (32) den Reiz des Stipendiums in Plüschow aus. „In Berlin muss ich mir die Ruhe erkämpfen.“ Die Dozentin der Bauhaus-Universität Weimar will in ihren Entwurfsskizzen „Gedächtnissysteme in sinnlich erfahrbare und begehbare Räume“ übertragen. Zufällige Fundstücke aus Plüschow werden zu Kunst: Aus einem alten Buch mit Verpackungs-Design nahm Anne Brannys die Vorlagen für Zeichnungen, die an Grundrisse von Villen oder Schlösser erinnern — oder an Fluchtpläne.

Der erste Eindruck — absolute Ruhe. Nur fünf Autominuten liegt Plüschow von der A20-Abfahrt Grevesmühlen entfernt, doch still ruht das Dorf im milchigen Dezemberlicht. Doch hier, im barocken Backsteinschloss in Westmecklenburg, trifft sich die Welt. 178 Künstlerinnen und Künstler hatten sich in diesem Jahr um ein Stipendium im Künstlerhaus Plüschow beworben, fünf arbeiten und leben seit Oktober in den Ateliers.
„Jeder Künstler bringt seine Handschrift, seine Sicht auf die Welt mit. Und mit jedem verändert sich das Haus“, sagt Miro Zahra, die vor 25 Jahren mit ihrem Künstler-Partner Udo Rathke das verfallene Haus zu einer Arbeits- und Ausstellungsstätte für zeitgenössische Kunst ausbaute. Ein „Refugium im Nirgendwo“ nannte es Zahra einmal.
Ende Dezember verlassen die Stipendiaten Plüschow — ein Stück Mecklenburg nehmen sie in ihren Arbeiten mit.
Daniel Djamo (28) aus Rumänien versteckt sich hinter einem Glas mit toten Fliegen, die er in den vergangenen Monaten auf dem Klo gefangen hat. Seine Art der Auseinandersetzung mit dem Ort. Nur gut, dass keine Putzfrau durch die Ateliers fegt. Der Bukarester gibt den Spaßvogel der Gruppe, ist aber mit seinen Installationen und Videoprojekten ein ernstzunehmender Künstler und war 2012 bereits auf der Kasseler Documenta vertreten. Schloss Plüschow bringt er mit Vampiren in Verbindung. Denn: Dracula verbrachte vermutlich zwei Jahre in Plüschow. Oder kann jemand das Gegenteil beweisen?
Stipendien
Im Künstlerhaus Plüschow können jeweils fünf Stipendiaten von Anfang Oktober bis Ende Dezember leben und arbeiten.


Anfang Februar beginnt die Ausschreibung für das Jahr 2016 für bildende Künstler ohne Altersbeschränkung. Außerdem vergibt das Künstlerhaus Plüschow Reisestipendien für bildende Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern.


Weitere Infos:

www.plueschow.de

Petra Haase

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