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Kultur im Norden Regisseur Jörn Donner bei den Nordischen Filmtagen
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13:04 02.11.2018
Der finnische Dokumentarfilm „Fuck off 2“ von Oscar-Preisträger Jörn Donner erzählt sehr viel über das Leben und Lieben der Menschen im Norden. Quelle: HFR
Lübeck

28 Dokumentarfilme werden bei den Nordischen Filmtagen gezeigt, alle sehenswert, alle besonders, manche herausragend. „Fuck Off 2 - Bilder aus Finnland“ aber gehört zu der seltenen Film-Spezies, die einen froh machen, dass es sie gibt und die einen bereichern.

„Fuck off 2“ – es geht um Sex, Liebe, Familie,Träume und unerfüllte Wünsche

Jörn Donner ist nicht nur als Regisseur und Autor bekannt. Er produzierte Ingmar Bergmans Film „Fanny und Alexander“, der mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Für die Dokumentation „Fuck Off 2“ hat mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen gesprochen beziehungsweise diese interviewen lassen: Kinder, Jugendliche, eine vierfache Mutter mit psychischen Problemen, Immigranten und Emigranten, einen Bus- und einen Truckfahrer, einen Landwirt und viele andere mehr. Es geht darum, wie sie leben, was sie sich wünschen, um Sex, Liebe, Familie, Träume, Hoffnungen, unerfüllte Wünsche. Die Interviewer haben sehr direkt gefragt haben und haben sehr direkte und wohl auch ehrliche Antworten bekommen. Dadurch kommt „Fuck Off 2“ den Menschen sehr nah, zeichnet ein unverstelltes Bild von dem Land und seinen Menschen.

Im Jahr 2016 steht Finnland vor den Feierlichkeiten von 100 Jahren Unabhängigkeit. Seit langem schon hat es sich vom armen Agrarland zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt entwickelt. Aber haben Autos, Handys, Reisen die Menschen glücklicher gemacht? Niedrige Geburtenrate, Staatsverschuldung, eine wachsene Kluft zwischen arm und reich, Flucht aus den abgelegenen ländlichen Regionen, Rassismus - Finnland hat Probleme wie andere europäische Länder auch.

Das Filmteam hat das Land erkundet,abgelegene Orte aufgesucht

Er hoffe, dass die Jugend ein neues Finnland schaffen werde, stellt Donner klar. Oder zumindest ein anderes. Die Antworten, die junge Leute ihm und seinem Team geben, sind jedoch nicht immer ermutigend. „Weiß nicht“, sagt eine junge Frau auf die Frage nach ihren Wünschen und Hoffnungen. Ihrer Freundin geht es nicht anders. Ein Busfahrer, bald 50 Jahre alt, äußert sich klarer. „Was ist das Gute in deinem Leben?“, wird er gefragt. „Ich habe eine gute Beziehung“, sagt er. Wenn er mehr Geld hätte, würde er eine Wohnung kaufen, in der er im Alter leben kann. Seine größte Sorge? „Die Welt ist brutaler geworden. Das Leben ist hart.“

Das Filmteam ist in abgelegene Orte gereist, die von jungen Menschen verlassen werden und wo die Bewohner, die bleiben, auf Zuwanderung hoffen, damit Läden, Sportstätten, Schulen erhalten bleiben. In Helsinki hat es asiatische Touristen begleitet. Hier wird eine Außensicht auf die Menschen des Landes gegeben. Finnen seien in der Regel sehr ausdruckslos, erklärt der Reiseleiter seiner Gruppe, „innen heiß, aber außen kalt.“

Jörn Donner zeigt Finnland heute:„Das Leben ist hart“

Diese Behauptung bleibt unkommentiert. Ansonsten aber ist Donner immer präsent. Er ist ein politischer Mensch, war Mitglied des finnischen wie auch des europäischen Parlaments. Dennoch scheint er von der Politik wenig zu erwarten – jedenfalls wenig Gutes. Und die Bevölkerung nehme hin, rebelliere nicht, kritisiert er. Finnland sei dabei, sich selbst zu finden, resümiert der Filmemacher. Die große Mehrheit der Menschen lebe länger und besser als alle Generationen zuvor. Schon zu Beginn des Films aber hat er gezeigt, wo alles enden muss: Er lässt einen Sarg in den Verbrennungsofen fahren. Immerhin: Vorher, zwischen Geburt und Tod, liegt das Leben.

Liliane Jolitz

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