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Kultur im Norden Retrospektive: Ankommen in der Fremde
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Retrospektive: Ankommen in der Fremde
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06:00 21.10.2017
Wenn Finnen ein japanisches Restaurant mit syrischer Putzkraft (Sherwan Haji als Khaled, l.) betreiben: „Die andere Seite der Hoffnung“ von Aki Kaurismäki.  Quelle: Malla Hukkanen
Lübeck

Überwältigt vom Genuss eines Festmahls der französischen Cuisine strecken die der Enthaltsamkeit verschriebenen Gäste an Babettes Tafel die Waffen und geben sich den Gaumenfreuden hin. Die geteilte Tafelfreude und der ungewohnte Champagner lockern nicht nur die strengen Konventionen, sondern auch die Stimmung und öffnen die Herzen der strengen und gottesfürchtigen dänischen Dörfler, die die aus ihrer Heimat geflüchtete Französin Babette aufgenommen haben. 1988 gewann der still erzählte Film von Gabriel Axel den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Heute steht er für Jörg Schöning, den Kurator der Retrospektive, beispielhaft für den bereichernden Einfluss der „fremden“ Einwanderer in den skandinavischen Raum – seit Jahrhunderten.

Blickwinkel der Neuankömmlinge

Seit „Babettes Fest“ sind allerdings gut 30 Jahre ins Land gegangen, und die Zahl der Migranten, die im Norden eine neue Heimat suchen, hat sich mit der jüngsten Flüchtlingskrise potenziert. Die Rückschau legt den Fokus daher auch deutlich auf den Blickwinkel der Neuankömmlinge, auf ihre Hoffnungen, Erlebnisse und Erfahrungen. Und es sind viele Filmemacher, Einwanderer aus der zweiten und dritten Generation, die den schwierigen Neustart in einem fremden Land und die kulturellen Unterschiede aus ihrer Perspektive für das Kino in Szene setzen.

„Früher hießen die Regisseure aus Skandinavien Bergman oder Christensen“, sagt Jörg Schöning. „Heute können sie auch Iram Haq oder Kadri Kousaar heißen. Aber das ist kein ganz neues Phänomen, sondern eine Bereicherung, die vor Jahrzehnten schon begonnen hat. Dies bewusst zu machen, ist der Zweck der Retrospektive.“

Vermeintliches Paradies, Gastarbeiter, Flüchtlinge

Von der Desillusionierung im vermeintlich paradiesischen Schweden, wo die Jobs gut bezahlt und die Mädchen willig sind, erzählt der Italiener Carlo Barsotti, der seit 1967 in Schweden lebt, mit viel Humor in seinem Film „Ein Paradies ohne Billard“ – dem Publikumsliebling der Nordischen Filmtage 2011. In „Landschaft in Weiß“ (1985) von Gianni Lepre legt sich ein pakistanischer Gastarbeiter mit seinem kriminellen Chef an. „Sturm der Vergeltung“ (2000) des aus Teheran stammenden Filmemachers Reza Parsa ist ein verstörender Thriller, der die Schicksale des Taxifahrers Ali und des pubertierenden Leo verknüpft. Beide werden von ihren früheren Taten grausam eingeholt: Ali mordete vor vielen Jahren als Guerilla-Kämpfer im Nahen Osten, Leo hat einen Klassenkameraden erschossen, der ihn drangsalierte.

Tragödie und Komödie liegen beim Thema dieser Retrospektive oft eng nebeneinander, und es gibt wohl kaum einen skandinavischen Regisseur dieser Tage, in dessen Werken die Gattungen so untrennbar verbunden sind wie Aki Kaurismäki. In der Tragikomödie „Le Havre“ erzählte der Finne 2011 die Geschichte eines Flüchtlingsjungen aus Gabun, Idrissa, der in einem Container illegal nach Frankreich eingereist ist und Unterschlupf bei dem alternden Marcel findet. „Die andere Seite der Hoffnung“, für den Kaurismäki in diesem Jahr den Silbernen Bären der Berlinale für die Beste Regie erhielt, ist eine weitere Inszenierung des Flüchtlingsthemas. Ein Film, der in seinen beiden Hauptfiguren – dem jungen Mechaniker Khaled aus Aleppo und dem Handelsvertreter Wikström, der in der Mitte seines Lebens einen Neustart als Gastwirt wagt – die Kulturen erst hart aufeinanderprallen lässt. Um sie dann mit blutigen Nasen zusammenzuführen. Ursprünglich, sagt Kaurismäki, habe er eine Geschichte über Einsamkeit inszenieren wollen. „Aber dann kamen die Flüchtlinge nach Finnland, und unsere Regierung begann sich wie eine Diktatur zu verhalten. Wir nahmen die Hilfesuchenden auf und betrachten sie plötzlich als Feinde. Da musste ich reagieren.“

Von Regine Ley

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