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Kultur im Norden „Riesengroße Bewunderung“
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17:50 11.01.2019
„Ein Riesenwerk, das ihm keiner nachgemacht hat und völlig einzigartig in der modernen Literatur dasteht“: Jan Assmann über den „Joseph“-Roman. Quelle: imago/Leemage
Lübeck

Jan Assmann (80) ist in Lübeck aufgewachsen – „meine Heimatstadt“, sagt er. Der Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler hat als Professor an der Universität Heidelberg gelehrt und lebt in Konstanz. 2018 hat er mit seiner Frau Aleida den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Fast 2000 Seiten, vier Bände, 16 Jahre Arbeit – wusste Thomas Mann, worauf er sich mit dem „Joseph“-Roman eingelassen hatte?

Nein, als er ihn begann, schwebte ihm eine Novelle vor. Vielleicht so etwas wie „Der Tod in Venedig“. Im Zuge des Ausarbeitens hat sich das immer mehr verbreitert. Als er am dritten Band arbeitete, der eigentlich als letzter geplant war, kam er zu dem Schluss: Das wächst sich zu sehr aus, ich muss ihn teilen. Das war 1935/36. Es hat also zehn Jahre gedauert, bis ihm das dämmerte. Und erst 1943 hat er ihn beendet.

Präsentation im Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung

Am Montag, 14. Januar, stellt Jan Assmann mit seinen Herausgeberkollegen Dieter Borchmeyer und Stephan Stachorski die Neuedition des Romans in Lübeck vor (19.30 Uhr, Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung, Königstraße 42). Die Bände sind im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke von Thomas Mann im vergangenen Jahr erschienen. Die Veranstaltung des Buddenbrookhauses und des S. Fischer Verlages wird von Roland Spahr moderiert. Karten kosten 10/7 Euro.

Warum setzt sich jemand hin und erzählt eine kleine Geschichte aus der Bibel neu, und das in dieser Dimension?

Der äußere Anlass war eine Ausstellung mit Grafiken von Hermann Ebers, Sohn des Ägyptologen und Schriftstellers Georg Ebers, in München. Der hatte ihn gebeten, eine Art Einführung zu schreiben. Allerdings stecken in der biblischen Josephs-Geschichte unglaubliche narrative Impulse. Thomas Mann war keineswegs als Erster auf sie gestoßen. Es hat im Orient und im Abendland immer wieder zu romanartigen Ausgestaltungen geführt. Im 17., 18. Jahrhundert sind allein in Europa 100 - 200 Joseph-Romane erschienen. Und dieser Versuchung hat Thomas Mann 1925/26 als Nachfolgeprojekt des „Zauberbergs“ stattgegeben. Warum ihm das so sehr am Herzen lag, hing sicher auch mit der politischen Situation zusammen.

Der Roman wird in der Rückschau als gegen den Nazismus gerichtet gesehen. War er das wirklich von Anfang an?

Thomas Manns Konversion zum demokratischen Republikanismus fällt in diese Zeit. Seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“ waren ja noch die eines Nationalkonservativen, das hat sich aber grundlegend gewandelt. Ab 1922 wurde er ein überzeugter Demokrat, trat als solcher auch öffentlich auf und hat sich immer schärfer gegen den völkischen Geist gewandt. Die Josephs-Geschichte war in diesem Zusammenhang wohl auch ein Bekenntnis zu der jüdischen Tradition innerhalb des abendländischen kulturellen Gedächtnisses.

Aber er wusste anfangs nicht viel über Religion.

Er hat sich enorm eingearbeitet und eine ganze Bibliothek zusammengekauft.

Sie sprechen in Ihrem Buch „Thomas Mann und Ägypten“ davon, dass man den „Joseph-Roman“ auch als Sachbuch lesen könne.

Nicht was die alte Geschichte angeht. Man sollte den Roman nicht lesen, wenn man sich ein ausgewogenes Ägyptenbild verschaffen will. Aber was die Religionsgeschichte und vor allem den Mythos-Begriff angeht, da ist Thomas Mann als außerordentlich kluger und belesener Mensch zu ganz neuen Einsichten vorgedrungen, die durchaus religionswissenschaftlich bedeutsam sind.

Er sprach, als er ihn 1943 endlich fertig hatte, von einem „Monument der Beharrlichkeit“. Hat der Roman seine Zeit der Emigration zusammengehalten?

Ja. Eine solche Erfahrung hat wohl jeder Schreiber schon gemacht, der ein Projekt verfolgt, das ihn sehr anstrengt, aber auch beflügelt. Dieses Riesenprojekt hat ihn gewissermaßen über die ganze Exils- und Kriegszeit hinweg über Wasser gehalten.

Man kann also mit Recht von einem Exilroman sprechen?

Absolut. Das lässt sich übrigens auch schon von der biblischen Josephs-Geschichte sagen. Auch sie ist in der Größenordnung der damaligen Literatur ein Roman, ein ausgewachsenes Literaturwerk – und als solches eben auch ein Exilroman. Sie handelt von einem Juden, der es im Exil zu höchsten Ehren bringt, und sollte all die ermutigen, die es im 6. Jahrhundert nach Babylonien oder Ägypten verschlagen hatte.

Wie sehen Sie den Stellenwert des Romans im Gesamtwerk von Thomas Mann?

Mein Lieblingsroman ist „Doktor Faustus“, weil ich mich sehr für Musik interessiere und immer etwas zusammenzucke, wenn allzu viel Unsinn über Ägypten vorkommt, aber im Gesamtwerk Thomas Manns ist das natürlich ein Höhepunkt. Ein Riesenwerk, das ihm keiner nachgemacht hat und völlig einzigartig in der modernen Literatur dasteht.

Neben Proust und Joyce?

Der „Ulysses“ von Joyce ist ja noch einigermaßen handlich, aber mit der „Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust könnte man es vergleichen. Thomas Mann hat sich auch immer sehr an ihm gemessen.

Was hat der Roman uns heute zu sagen?

Da würde ich gern den humanistischen Geist hervorheben wollen. Thomas Mann spricht von der „Einheit des Menschengeistes“, das können wir heute in der Zeit der Globalisierung und der Migration besonders gut gebrauchen. Insofern ist das hochaktuell, zumal es sich bei Joseph ja auch um einen Migranten handelt. Und bei Jakobs Sippe um Wirtschaftsflüchtlinge.

Sie haben auch fast 16 Jahre an dem Kommentar gearbeitet. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Es bleibt vor allem eine riesengroße Bewunderung für Thomas Manns überragende Bildung, Belesenheit und Klugheit. Und natürlich für seine Künstlerschaft. Wir waren zu viert und haben uns die Arbeit geteilt. Meine Aufgabe war, den archäologisch-alttestamentlichen Sachgehalt zu beurteilen, und da fand ich vor allem seinen Mythos-Begriff faszinierend. Der ist so weit gefasst, dass auch der Monotheismus da unterkommt, also die biblische Religion, das Christentum. Damit nimmt er ein Stück exklusiver Normativität von einer Offenbarungs- und Gesetzesreligion weg und steigert die fundierende, Wirklichkeit schaffende Kraft des Mythos.

Peter Intelmann

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