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Riskante Reise eines Hamburger Fräuleins

Hamburg Riskante Reise eines Hamburger Fräuleins

Die Schriftstellerin Petra Oelker, Expertin für historische Romane, entführt mit einer kühnen Heldin in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Hamburg. Petra Oelker hat wieder einen historischen Kriminalroman geschrieben – die Hamburger Autorin ist schließlich eine ausgewiesene Expertin dieses Genres. Nach den im 18. Jahrhundert angesiedelten Rosina-Romanen um eine Theatertruppe und zwei weiteren Hamburg-Romanen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert spielten, hat sie sich jetzt der Epoche nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs zugewendet.

Der historische Hintergrund zum neuen Roman „Emmas Reise“ ist wieder hervorragend recherchiert, spannend und unterhaltsam zu lesen – das ist keine Überraschung. Aber er ist zudem auch noch eine Mischung aus literarischer Road Story und Abenteuergeschichte, der die Zeit nach dem von 1618 bis 1648 wütenden Krieg den Lesern ungewöhnlich lebendig nahebringt. „Diese Geschichte trage ich schon lange mit mir herum“, sagt dazu die Autorin. Sie hat bei ihren Recherchen erfahren, dass Hamburg während des Dreißigjährigen Krieges ein sicheres Handelszentrum für alle Parteien gewesen ist, die sich hier auch zu Verhandlungen trafen. „Es war rettende Insel für tausende Flüchtlinge, zugleich neben Amsterdam der bedeutendste Umschlagplatz für Rüstungsgüter.“

Emma van Haaren hat auf ihrer Reise von Hamburg nach Amsterdam gefährliche Abenteuer zu bestehen und erlebt in Männerkleidung ungeahnte Freiheiten, von denen sie als junge Frau aus der guten Hamburger Gesellschaft bisher nicht zu träumen wagte.

Wie meist in ihren historischen Romanen gelingt es Petra Oelker in „Emmas Reise“ besonders gut, in den Figuren die Bewusstseinslage von Menschen in ihrer Zeit einfühlsam und für heutige Leser gut nachvollziehbar zu schildern. Um das Jahr 1650, an der Schwelle zur Neuzeit, ist die spätmittelalterliche Verwurzelung in Religiosität und Ständegesellschaft durch die Schrecken und Verwerfungen des Krieges brüchig geworden, es gibt Flüchtlingsströme und große Not, aber auch schon Vorboten der Aufklärung – jedenfalls dort, wo man es sich leisten kann, wie in Engelbachs Garten, in dem Emmas Pate als gutsituierter Hamburger Ratsherr botanische Studien betreibt und Konzerte veranstaltet.

Aus dieser Idylle bricht Emma auf zu ihrer Reise nach Amsterdam, um die steinreiche Familie ihres verstorbenen Vaters zu besuchen und sich ihr Erbe und damit eine standesgemäße Mitgift zu sichern.

Die Straßen sind zwar wegen der arbeitslos gewordenen Söldner noch gefährlich, aber „eine gute Mitgift bedeutet eine gute Partie, also ein zufriedenes wohlsituiertes Leben“, so dass die Hamburger Kaufmannsfamilie beschließt, das Risiko von Emmas Reise wohlkalkuliert zu wagen.

Emma reist zunächst in Begleitung einer reiselustigen Witwe und ihrem bis an die Zähne bewaffneten Knecht, ist aber bald auf sich allein gestellt und muss auch noch für einen kleinen Reisegefährten sorgen, den ihr das erste Abenteuer zufällig zur Seite gestellt hat. Auf Anraten einer Dienstbotin (ein Berufsstand, der bei Petra Oelker immer schon gebührende Beachtung erfuhr) ist Emma alias Emmet in Männerkleidern unterwegs, was der Autorin Gelegenheit gibt, zeitlos relevante Gender-Themen zu behandeln, wie Emmas Erleichterung, ihre unpraktische Damenkleidung, die frau am Gehen, Laufen und Reiten hindert, gegen funktionale Männerstiefel und Beinkleider eingetauscht zu haben.

Nach mehr als 400 Seiten hat man sich ein Panorama des Lebens auf den Landstraßen und in den Städten und Städtchen im Nordwesten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahr 1650 erlesen.

Man hat einen jungen Wolf ebenso wie Emma/Emmet durch tückische Moore und unheimliche Geisterhäuser begleitet, wusste nicht, wem man bei all den politischen Ränkespielen zwischen calvinistischen Fundamentalisten und geschäftstüchtigen Protestanten trauen kann, und hat sich letztlich erleichtert am guten Ende in der Weltstadt Amsterdam erfreut.

Aber in die Erleichterung mischt sich bei der Leserin wie bei Emma die Wehmut, dass diese Reise nun zu Ende ist und dass aus dem freien, unerschrockenen Emmet, der alle Landstraßen-Abenteuer bravourös bestand, nun wieder das Hamburger Fräulein werden muss, das im Schutz der Familie bleibt, bis sich ein passender Ehemann findet. „So war der Lauf der Welt.“

Gudula Holzheid

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