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Robert Menasse erzählt, wie EU-Bürokraten ticken

Robert Menasse erzählt, wie EU-Bürokraten ticken

Frankfurt/Main. Es war eigentlich keine Überraschung, dass Robert Menasse für „Die Hauptstadt“ gestern Abend der Deutsche Buchpreis 2017 zuerkannt wurde. Nach elf Jahren war ein Buch aus Österreich wieder mal fällig.

Und nun trägt ihn ein Autor davon, der das politische Herz am rechten Fleck hat. Lange gab es keinen deutschsprachigen Gesellschaftsroman, der mit so viel Feingefühl und Ironie gegenwärtige politische Machtverhältnisse und auch ideologische Stimmungen einfängt. Dabei zielt der 63-jährige Wiener auf ein multinationales Ganzes. Seine Figuren, Idealisten wie Karrieristen, findet er in der europäischen Hauptstadt Brüssel. Fast alle arbeiten in der Verwaltung der EU-Kommission, hier laufen die Fäden zusammen. Hinter Statistiken und aufgelegten Programmen, Sonntagsreden und Imagekampagnen, Brexit und Handelsabkommen mit China entdeckt Robert Menasse Akteure aus Fleisch und Blut.

 

LN-Bild

Der Deutsche Buchpreis geht an den Österreicher Robert Menasse.

Eigentlich ein Unding: ein Roman über eine Bürokratie, der sich nicht wie Trockenkost liest. Zwar schlägt Menasse phasenweise auch einen erklärenden, referierenden Ton an, doch Eurokraten wie der Vorlagenschreiber Martin Susman oder die Abteilungsleiterin Fenia Xenopoulou wachsen dem Leser schnell ans Herz. Und Außenseiter wie der letzte Auschwitz-Überlebende David de Vriend und der schrullige Altprofessor Alios Erhart konfrontieren die Aktenmenschen in Brüssel mit Abgründen und Vision, die im gesicherten Alltag schnell vergessen werden.

Menasse erweitert sein menschliches Panoptikum um eine satirische und eine kriminalistische Komponente. Ein Hausschwein, das als Menetekel schon auf der ersten Seite am helllichten Tage Brüssels Straßenverkehr durcheinanderbringt, entwickelt sich zum Running Gag, und bald schon handelt das Buch wirklich von einer noch fehlenden EU-Gesetzgebung für den Export österreichischer oder englischer Schweineohren nach China.

Zu Anfang geschieht ein Auftragsmord. Der Leser lernt den Mörder kennen und erfährt, dass der offenbar den falschen Mann exekutiert hat. Es bleiben Rätsel und auch die Frage: Könnte es wirklich eine Todesschwadron der katholische Kirche geben? Einen polnischen Priester, der als Soldat Christi gefährliche Terroristen jagt? Das bisschen Action erweist sich als falsche Fährte. Auch wenn die erzählerische Puste am Ende etwas kurzatmiger wird, Robert Menasse lässt mit großem dramaturgischen Geschick Europabefürworter und -skeptiker miteinander ringen. Sein Roman stellt die derzeit grassierende Frage, ob nationale Alleingänge oder die Vision eines geeinten Europas zum Leitbild taugen.

Als Autor mit jüdischem Hintergrund hat er dem Buch auch die Erfahrung des Holocaust eingeschrieben. Die Moralkeule wird bei ihm aber mit Mutterwitz geschwungen. Die Bürokraten wollen nicht mehr als „abstrakte Bürokratie“ erscheinen, sondern „als eine moralische Instanz“. Ein kleiner Beamter sinnt darauf, das Legitimationsproblem der EU mit Auschwitz zu verknüpfen. Ginge es nach ihm, dann soll sich die EU-Kommission als „die Hüterin des größten und umfassenden Schwurs“ darstellen, „dass sich ein europäischer Zivilisationsbruch wie Auschwitz“ nie wieder ereignet. Dass obendrein auch noch der Flüchtlingssommer 2015 und die islamistischen Attentate in Brüssel die Handlung mitbestimmen, ohne dass das aufgesetzt wirkt, ist phänomenal und bemerkenswert. Der Roman „Die Hauptstadt“

liefert also kluge Kommentare zur Gegenwart, literarisch ist er aber kein so großer Wurf, dass er die Gegenwart überleben könnte.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp, 260 Seiten, 24 Euro.

Von Karim Saab

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