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Rock, Revolte und Reformation

Gressow Rock, Revolte und Reformation

In der Dorfkirche von Gressow wird heute „Ritter, Tod und Teufel“ uraufgeführt. Eine Reformationsoper, die auch nach Lübeck und Ratzeburg kommt.

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Bei der Hauptprobe in der Dorfkirche Gressow: Intendant Wolfgang Bordel (l.) und Komponist Wolfgang Schmiedt.

Quelle: Fotos: Frank Söllner

Gressow. „Im Kirchspiel zu Gressow tragen sich merkwürdige Dinge zu. Sie singen gern, aber nicht alle Lieder stehen im Liederbuch. Ich fühle mich merkwürdig allein dort.“

Das sagt Florian Hacke als Thomas Aderpul in Gressow (Landkreis Nordwestmecklenburg). In der Tat tragen sich im Gressower Kirchspiel – eine schmucke, backsteingotische Dorfkirche – 459 Jahre nach dem Tod des Mecklenburger Reformators Aderpul erneut merkwürdige Dinge zu. Mikros stehen herum, Scheinwerfer hängen herab, Schauspieler in Jeans und Lederjacken laufen auf und ab, lachen, singen – vor allem singen sie.

Letzte Probe für die Uraufführung von „Ritter, Tod und Teufel“ – was das nun wird mit dem Stück, das bis 18. September in Nordwestmecklenburg, Wismar, Lübeck und im Herzogtum Lauenburg gastiert, darüber gehen die Meinungen auseinander. Als Reformationsoper angekündigt, wird es als „szenisch-musikalische Erneuerung“ des Themas „500 Jahre Reformation“ am Beispiel des Geistlichen Aderpul beworben.

Seit März probt das Team um Regisseur Wolfgang Bordel (65), Intendant der Vorpommerschen Landesbühne Anklam. Im März wurden Noten und Texte ausgeteilt, dann trafen sich die Darsteller zu Proben in Gressow, Schönberg und Anklam. Wolfgang Schmiedt (57), Rostocker Komponist, der seit 2014 an der Umsetzung des Stoffes sitzt und mit dem Musiker Martin Pollok (40) und der Berliner Jazzsängerin Susi Koch (35) die Songs komponiert hat, sagt spaßig: „Sonntag war erste Hauptprobe. Weitere gibt es nicht. Wir spielen direkt von Hauptprobe eins in die Premiere. Wie das bei Genies so üblich ist.“

400 Besucher finden in der Gressower Kirche Platz. Die Bühne ist nicht besonders groß. Aufgeführt wird überwiegend konzertant, ein wenig szenisch. Viel Raum gibt es nicht. Wolfgang Bordel: „Wegen der Größe der Kirche ist das eine interessante Herausforderung. Wir mussten das ja für die kleinste Kirche in Gressow anlegen. Sonst hätte das keinen Sinn gemacht.“

Das Stück schenkt dem Klützer Winkel überregionale Bedeutung. Die Geschehnisse um Reformator Aderpul Anfang des 16. Jahrhunderts haben sich massiv auf die Reformationsbewegung Luthers ausgewirkt.

Aderpul, von dem man nur weiß, dass er 20. März 1557 in Bützow gestorben ist, predigte in Lübeck und Mecklenburg und wurde wegen seiner reformatorischen Bestrebungen 1529 vom Ratzeburger Bischof inhaftiert – was zu einer Revolte führte.

Der Berliner Schauspieler Florian Hacke (38) in der Hauptrolle war einige Zeit Ensemblemitglied am Theater Lübeck und ist Fernsehzuschauern aus der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs „Schuld“

bekannt. Das Libretto von Janny Fuchs, Dramaturgin am Volkstheater Rostock und am Schauspielhaus Hannover, lehnt sich an den Roman „Der Angstmann“ von Fritz Meyer-Scharffenberg (1912-1975) an. Im Stück kommt zu dem politischen Handlungsstrang natürlich ein romantischer. Die Ehefrau Aderpuls verkörpert die Rostocker Jazzsängerin Jacqueline Boulanger, ihre Gegenspielerin ist Claudia Graue (Sängerin der Band Muttis Kinder) als Gattin des Ritters von Plessen (Marcus Melzwig). Der gibt vor, die Reformation voranzutreiben, und lässt den Martinsmann Aderpul in die Falle laufen.

Ein Stoff, der im Norden zu Hause ist. Und auf den die Region stolz ist. Daher soll das Stück auch in Kirchen in Lübeck, Gressow, Klütz, Schönberg, Wismar und Ratzeburg aufgeführt werden, in denen Aderpul gewirkt hat.

Integriert sind der Chor der St. Laurentiusgemeinde Schönberg und Musiker aus der Region wie der Perkussionist Jörn Birke, der im Klützer Winkel als Musiklehrer tätig ist. Dem Komponisten Schmiedt imponiert die regionale Verbundenheit dort: „Ich finde es beeindruckend, dass ein Kreis sich dieses Stückes mit einer solchen Begeisterung annimmt und sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt.“

Aufführungen

Das szenisch-musikalische Spektakel „ Ritter Tod und Teufel – Thomas Aderpul und die Reformation in Mecklenburg“ wird heute in der Kirche von Gressow (Nordwestmecklenburg) uraufgeführt. Beginn: 19.30 Uhr.

Weitere Stationen:

St. Petri-Kirche Lübeck , morgen, 19.30 Uhr Kirche Klütz (Nordwestmecklenburg), Fr., 9. September, 19.30 Uhr St. Laurentius-Kirche Schönberg (Nordwestmecklenburg), Di., 13. September, 20 Uhr Dom zu Ratzeburg (Herzogtum Lauenburg), Do., 15. September, 19.30 Uhr St. Georgen-Kirche Wismar , So., 18. September, 19.30 Uhr

Karten: http://tickets.ln-online.de

oder Tel.: (0451) 144 13 94

Michael Meyer

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