Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Rock gegen Rechts

Jamel Rock gegen Rechts

Jamel in Mecklenburg gilt als Nazi-Dorf. Doch das „Forstrock-Festival“ setzt dagegen - schon zum 10. Mal.

Voriger Artikel
Liebesleid in Lissabon
Nächster Artikel
Herta Müller: Mann-Villa soll erhalten werden

Bestes Wetter, beste Stimmung: Die Jubiläumsausgabe des Festivals vor ausverkaufter Wiese und begeisterten Fans.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Jamel. Womöglich hätte die Geschichte anders verlaufen können, Jamel, schönstes Dorf Mecklenburgs oder so. Und grundsätzlich wäre es ja nicht ausgeschlossen gewesen. Das Plätzchen hier, gelegen zwischen Ostsee und weich verlaufenden Hügeln, ein Ort, umgeben von Mais- und Kornfeldern. Dass es anders kam, dass man sich stattdessen offenbar in den Kopf gesetzt hat, als Muster für perfekt inszenierte Dorfgemeinschaft mit rechtsextremen Gedankengut in die viel zitierten Annalen der Geschichte einzugehen, ist vor allem Sven Krüger zu verdanken, einem Einheimischen und bekennenden Neonazi, wie sein Vater schon, und wie auch sein Sohn auf dem besten Weg ist, einer zu werden; der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und fast sieht es so aus, als würde Jamel im braunen Sumpf untergehen.

LN-Bild

Jamel in Mecklenburg gilt als Nazi-Dorf. Doch das „Forstrock-Festival“ setzt dagegen - schon zum 10. Mal.

Zur Bildergalerie

Die Prognose jedenfalls war und ist übel, und dass es bisher etwas anders kam, ist wiederum dem Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer zu verdanken, den Zugereisten, den Linken; sie, Autorin mit roten Haaren, er, Musiker, mit langem, inzwischen ergrautem Pferdeschwanz; aus Hamburg waren sie 2004 nach Jamel gezogen, um das ehemalige Forsthaus zu übernehmen, nichts ahnend, nichts wissend, auf welchem Fundament dieser Ort seine Geschichte baut.

Und als sie erkannten, auf welches Experiment sie sich da eingelassen hatten, hier zu leben, hier, im Dorf der Kameraden, begann ihr Kampf. Mit Kunst, mit Worten – und vor allem: mit Musik. Nun luden die beiden zum 10. Mal zum Festival „Jamel rockt den Förster“, um, wie sie sagen, „geschlossen und ganz entspannt der Einflussnahme von rechts in Jamel und überall entgegen zu treten“. Zwei Tage, ein Zeichen, ein Fest.

Die Atmosphäre dabei? Entspannt. Der Umgangston? Herzlich. Kinder springen, Mädchen tragen Blümchenkleider und Stroh-Hut, junge Frauen kurze Hosen, kurze Röcke; man lächelt, man lacht, auf dem Parkplatz, der ehrlicherweise eine Wiese ist, stehen Autos aus Schwerin, aus Greifswald, aus Pinneberg, davor hat es sich eine Gruppe mit Cocktails gemütlich gemacht, darunter Moni und Jana aus Lübeck, und wenn man sie fragt, was sie hierher verschlagen hat, sagen sie, dass sie, natürlich, wegen der Musik gekommen sind, vor allem aber auch: „wegen der Nazis“.

Überhaupt, immer wieder tauchen sie auf, die gleichen Wörter, die gleichen Argumente, immer geht es dabei um Toleranz und Demokratie, man muss nur mal übers Gelände gehen und die zumeist jungen Besucher befragen. Julia aus Rostock etwa, die bereits vor zwei Monaten in Jamel war, um bei den Lohmeyers ein Seminar zum Thema Rechtsextremismus zu besuchen, im Schlepptau Freund Daniel; vor sechs Jahren hat er mit anderen in Rostock die Flüchtlingshilfe gegründet, das Festival wollten sie sich nicht entgehen lassen, schon aus politischen Gründen.

Auch Bastian aus Schwerin, den alle nur Basti nennen, will, wie er sagt, ein Zeichen setzen, gerade hat er sich ein T-Shirt gekauft, der Slogan darauf: „Fck AfD“, er will es zur Landtags-Wahl tragen.

Mag sich Deutschland noch so viel über eine Generation Y wegen deren Unmotiviertheit den Kopf zerbrechen, in Jamel beweist sie gerade eindrucksvoll das Gegenteil.

Nun wäre ein Festival kein Festival, würde es nicht auch hier die Schlangen vor den Bierwagen und dem Pizzastand geben, man kann Wurst oder Zuckerwatte kaufen, und übers Gelände läuft derweil Bela B.

von den Ärzten; dort ein Handyfoto mit Fans, hier ein Halbsatz, die Stimmung bleibt herzlich, beinahe familiär. Und während zu Beginn des Festivals der Abend erst langsam in Tritt kommt, nimmt er mit dem Untergang der Sonne Fahrt auf, und alles ist, wie es sein sollte; Fans, dicht gedrängt vor der Bühne, Frauen und Männer, die singen und tanzen; „wir sind stolz und froh, hier spielen zu können“, ruft der Bandleader von „Captain Planet“ – und nichts anderes sagt später Bela B. ins Mikrofon, überraschend kommen dann noch die anderen Kollegen von den Ärzten.

Am Ausgang sitzt Birgit Lohmeyer, die Initiatorin; sie hockt neben der Kasse auf dem Boden und sieht ausgesprochen zufrieden aus. „Wir sind sehr glücklich“, sagt sie, „das Jubiläum wird würdig begangen“. Für den nächsten Tag haben sich Familienministerin Manuela Schwesig und Grünen-Politikerin Claudia Roth angekündigt, derweil grillen gegenüber die Nazis.

Musik im Nazi-Dorf

Das knapp 40 Einwohner zählende Dorf Jamel ist als rechte Hochburg verrufen. Peu à peu werden die Grundstücke von Nazis aufgekauft, als einer der führenden Köpfe gilt der vorbestrafte Unternehmer Sven Krüger. Bundesweit kam Jamel in die Schlagzeilen, als die Scheune von Birgit und Horst Lohmeyer brannte; in der Folge entschlossen sich die „Toten Hosen“ mit Frontmann Campino im vergangenen Jahr spontan zu einem Auftritt beim „Forstrock“-Fest. In diesem Jahr gelang mit den „Ärzten“ erneut ein Coup.

Marion Hahnfeldt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden