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Roman-Debüt mit viel Vitamin B

Roman-Debüt mit viel Vitamin B

Eine Familienaffäre? Theresia Enzensbergers Erstling „Blaupause“.

Wie jeder Besucher des Lübecker Buddenbrookhauses weiß, ist es durchaus zwiespältig, als Kind eines Schriftstellers, der seine Epoche geprägt hat, selber zu schreiben und zu publizieren. Der berühmte Name öffnet erst einmal viele Türen. Man nutzt das Netzwerk der Eltern. Die Neugier im Literaturbetrieb ist größer als bei anderen Debütanten. Aber nach einiger Zeit werden Maßstäbe angelegt, denen kaum jemand standhalten kann.

Theresia, die Tochter des wahrscheinlich sprachmächtigsten und intelligentesten lebenden deutschen Poeten und Essayisten Hans Magnus Enzensberger (87), hat ihren ersten Roman veröffentlicht: „Blaupause“. Im Nachwort bedankt sie sich – unter anderem – bei der mit vielen Preisen ausgezeichneten, in Baku geborenen und in Berlin lebenden Autorin Olga Grajsnowa und der profiliertesten linken Kolumnistin des „Spiegel“Verlages, Margarete Stokowski, für „lange Gespäche, wichtige Einsichten und dringend benötigten Rat“. Karin Graf, die beste deutsche Literaturagentin, hat das Manuskript dann beim angesehenen Carl Hanser Verlag untergebracht. Florian Illies, ehemaliger Feuilleton-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und neuer Herausgeber der „Zeit“, attestiert der Autorin auf dem Schutzumschlag: „Theresia Enzensberger macht die Zwanzigerjahre und das Bauhaus zu einem Moment der Gegenwart.“ Mehr Unterstützung und Vitamin B ist im deutschen Literaturbetrieb eigentlich nicht denkbar.

Ist „Blaupause“ auch gut? Die Geschichte ist erstaunlich leichtfüßig und amüsant, sprachlich fein und sauber. Theresia Enzensberger hat einen historischen Campus-Roman über das Bauhaus geschrieben, der für ein erzählendes Buch über die Wiege der modernen Kunst und Architektur allerdings bemerkenswert konventionell gebaut ist. Alle berühmten „Meister“ treten auf: der charismatische Gründer Walter Gropius, der Esoteriker und Sektenführer Johannes Itten oder die um ihre ästhetischen Positionen kämpfenden Künstler Paul Klee und Theo van Doesburg. In Nebenrollen trifft man Sexualforscher Magnus Hirschfeld oder die Frauenrechtlerin Helene Stöcker.

Die Weimarer Republik ist sicher keine schlechte Wahl als Schauplatz für einen historischen Roman. Die wilden Zwanziger aus der Sicht der anfangs ziemlich naiven Ich-Erzählerin Luise Schiller, einer behüteten Tochter aus einem Berliner Unternehmerhaushalt, sind ein süffiger Stoff.

Luise interessiert sich für Architektur, kämpft gegen ihre Familie und die patriarchalischen Strukturen der modernen Hochschule in Weimar und Dessau, bis sie ihr Studium nach einigen Umwegen und Demütigungen mit dem Diplom beenden kann. Es wird gesoffen, gekokst, miteinander geschlafen und über allerlei politische und ästhetische Theorien diskutiert. Eine Stärke des Buches ist die sorgfältig recherchierte Schilderung von Parallelwelten der Weimarer Republik: junge Kommunisten und Ästhetik- Geeks am Bauhaus, die asketische, völlig unpolitische Sekten- Welt der Mazdaznan- Bewegung Johannes Ittens, dann wieder Drogen- und Transvestitenpartys in Berlin. Für ein so eng an die Wirklichkeit gebundenes Werk ist das Verhältnis von Fiktion und Realität, ist die Gewichtung der historischen Figuren immer ein Problem: Luises Emanzipationsgeschichte, die mangelnde Achtung weiblicher Kreativität durch die „Meister“ wurde vielleicht etwas schlicht dargestellt, aber darüber kann man trefflich streiten.

„Blaupause“, kaum drei Wochen auf dem Markt, ist – wie nicht anders zu erwarten – ein Kritikererfolg: „Etwas sympathisch Bescheidenes“ beobachtet die „Welt“ an diesem „gelungenen Gesellinnenstück“.

„Faszinierend und irritierend zugleich“ fand ihn die „Berliner Zeitung“. Die Rezensentin des NDR las einen „in jeder Beziehung klugen ( ) spannenden Roman, der Beachtung verdient“. Der „Spiegel“

spekuliert gar darüber, ob Theresia Enzensberger eine neue Gruppe 47 gründet.

Hat Deutschland mit den Enzensbergers also eine neue „amazing family“, wie der Kritiker Harold Nicholson 1939 die Familie Mann nannte? Wenn ja, so hat dies seine zwei Seiten. Gerade kommt die Aufmerksamkeit, das Geld, „ein hohes Glück, eine schätzbare Annehmlichkeit“, wie Thomas Mann beobachtet. Doch dann die Selbstzweifel, eine spürbar drückende Last. Und der ewige Sohn Klaus Mann, der wie wenige von der Aura seiner Familie profitiert hat, spricht am Ende seines Lebens sogar vom „Familienfluch“ des Schreibens.

Christian Schwandt

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