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Romeo & Julia gegen Hass und Fehden

Lübeck Romeo & Julia gegen Hass und Fehden

Kiels Ballettdirektor Ivanenko kommt mit seiner Version des Dramas nach Lübeck. Er choreografiert das Stück immer wieder neu.

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Artistisch und elegant: Amilcar Moret Gonzalez (Romeo) und Balkiya Zhanburchinova (Julia).

Quelle: Struck

Lübeck. Yaroslav Ivanenko wurde in Kiew geboren, und als er vor zwei Jahren am Kieler Theater das Ballett „Romeo und Julia“ mit der Musik von Sergej Prokofjew choreografierte, war er der Ansicht, dass der damals noch frische Konflikt in der Ost-Ukraine und um die von Russland annektierte Krim in seine Arbeit einfließen sollte. Zumal auch Prokofjew Ukrainer war, er wurde 1891 im Donezk-Gebiet geboren.

LN-Bild

Kiels Ballettdirektor Ivanenko kommt mit seiner Version des Dramas nach Lübeck. Er choreografiert das Stück immer wieder neu.

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Die Fehde zwischen den Clans der Capulets und der Montagues in Verona war doch dem ukrainisch- russische Bruderkrieg nicht unähnlich. Ivanenko, seit 2011 Direktor und Chefchoreograf des Balletts Kiel, fragte, was die Gräben überwinden könnte. Was steht gegen Hass und Vorurteile? Ein Liebespaar wie Romeo und Julia? Die Geschichte dieses Paares mit unterschiedlichen Loyalitäten und Hintergründen sei es wert, auf ihre friedensstiftenden Aspekte hin untersucht zu werden. Beide versuchten mit radikaler Entschlossenheit, die Clan-Schranken zu beseitigen. Und Prokofjew hilft dabei mit einer Musik, die mit Dissonanzen an der Grenze zur Atonalität aufwartet.

Nun kann man Ivanenkos Arbeit auch in Lübeck sehen. Im Zuge der Kooperation der Theater der beiden großen schleswig-holsteinischen Städte kommt die Kieler Compagnie an die Beckergrube. Seine „Romeo und Julia“-Choreografie sei keine exakte Wiederaufnahme, versichert Ivanenko, vielmehr erarbeite er sie für Lübeck neu. Zum einen muss er sich nach den Erfordernissen der Bühne im Großen Haus richten, zum anderen „kommen mir immer neue Ideen, die ich dann auch auf der Bühne realisiert sehen will. Unser Leben geht eben weiter.“

Die Kostüme der rund 30 Tänzerinnen, Tänzer und Statisten sind modern, die Bühne ist minimalistisch ausgestattet – bis auf die Volksszenen, die ein buntes Treiben zeigen (Ausstattung: Heiko Mönnich).

So entstehen opulente Bilder. Für „Drei Schwestern“ nach dem Theaterstück von Anton Tschechow, der Choreografie, die Ivanenko in der vergangenen Spielzeit in Lübeck zeigte, fand er bei Franz Schubert die passenden melancholischen und intimen Klänge. Bei „Romeo und Julia“ hat er weniger Freiheiten, Prokofjews Musik bestimme die Szenen mit Pathos und Extrovertiertheit, sagt der Choreograf.

Muss man Shakespeares Geschichte kennen, um die Handlung zu verstehen? „Wer in der Schule ,Romeo und Julia‘ gelesen hat, versteht alles“, versichert Ivanenko. „Und die Musik unterstützt die Handlung.

Da dürfte es keine Missverständnisse geben.“

Die Rolle, die Ivanenko durch die Kooperation zugefallen ist, ist die eines Missionars, der die Lübecker, die schon lange keine Compagnie mehr haben, zum Ballett bekehrt. „Wir haben hier schon unsere Fans, Menschen sprechen mich auf das Ballett auch außerhalb des Theaters an.“ Er und seine Leute hätten neben Kiel eine zweite Heimat gefunden. Seine Tänzerinnen und Tänzer freuten sich stets auf die Gastspiele an der Trave.

Er habe viel von John Neumeier gelernt, in dessen Hamburger Ballett er zwölf Jahre lang viele Solopartien tanzte. Doch inzwischen scheint sich Ivanenko von dem Vorbild emanzipiert zu haben. Er will artistische Dynamik, tänzerische Eleganz und feinsinniges Erzählen vereinen. „Und vor allem möchten wir eine Geschichte erzählen, mit klassischen und modernen Mitteln.“

In Kiel verwischt Ivanenko die Grenzen zwischen Ballettsprache und Tanztheater. In „Der Fall M. M.“ über den Tod von Marilyn Monroe oder in „Heroes-K“, einem Stück der Gastchoreografin Marguerite Donlon mit Musik von Philip Glass und David Bowie, werden die traditionellen Demarkationslinien, innerhalb derer sich das Ballett bewegt, eindeutig überschritten. Vielleicht demnächst auch in Lübeck.

Lübecker Premiere: Sa., 17. September, 19.30 Uhr, Großes Haus; Musikalische Leitung: Ryusuke Numajiri.

Tanz in der Literatur

Das Gastspiel des Kieler Balletts in Lübeck wird am Sonntag, 16. Oktober, begleitet von einer Lesung mit dem Titel „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal“. Mairike Grund und Steffen Kubach stellen literarische Versuche über Bälle, Tanzstunden oder Landdiskobesuche vor und berichten von tanzenden Herzen und müden Füßen. Sie lesen Texte von Alexander Puschkin, Marlene Streeruwitz, Vaslav Nijinsky, Georg Büchner, Eckhard Henscheid, Shakespeare und Goethe. Vielleicht wird auch gesungen.

Beginn: 18.30 Uhr, Junges Studio

Michael Berger

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