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20:33 02.10.2017
Michael Mendl (3. v. l.) steht als Fotograf Franz Schensky im Zentrum der Geschichte. Mit am Tisch (v. l.): Bernd Panzer, Christina Große und Elisa Posky. Quelle: Foto: Bresinsky/ndr/dpa

Fröhliche Friedenszeiten, Aufrüstung, Krieg, Zerstörung, Exil – das sind für den Schauspieler Michael Mendl alles höchst aktuelle Stichworte, die das Doku-Drama „Heimat Helgoland“ ins Heute holen, obwohl sie eine Periode zwischen 1890 und 1947 schildern, die also längst Geschichte ist.

Zeugen, Experten

„Heimat Helgoland“, läuft heute um 20.15 Uhr im NDR-Fernsehen. Hubertus Meyer-Burckhardt stellt Insulaner, Experten und Zeitzeugen vor. Regie bei den Spielszenen führte Carsten Gutschmidt. Das Buch schrieben Ronald Kruschak und Daniel Remsperger.

Der breite Strom der Geschichte speist sich aber aus vielen kleineren oder größeren Bächen und Rinnsalen, die in ihn münden. Familiengeschichten gehen in ihn ein, wie die der Familie des Helgoländer Fotografen Franz Schensky (1871-1957, im Film gespielt von Mendl). Der wurde noch unter britischer Ägide geboren, trat aber mit dem Erwachsenwerden in die deutsche Geschichte ein, weil Briten und Deutsche im Rahmen eines kolonialen Gebietsaustausches 1890 die britische Kolonie Helgoland ins Deutsche Reich entließen.

Unter deutscher Flagge machte sich Schensky rasch einen Namen als Fotograf, der die raue Seele des „Roten Felsens“ über Jahrzehnte hinweg zu ergründen versuchte und dabei Zehntausende von Aufnahmen schuf – der aber seinen Lebensunterhalt auch durch die immer beliebteren Porträts erst ferienfröhlicher Sommerfrischler und später mehr und mehr an deren Stelle tretender kaiserlicher Marinesoldaten bestritt.

So trat ins Bild, dass der Kaiser – wie später noch einmal Hitler – die Insel mit Macht zur „Seefestung“ ausbaute. Von dort aus sollte seine „schimmernde Wehr“ den Handel durch seinen neuen und nach ihm benannten Nord-Ostsee-Kanal schützen und auf einen Kampf mit Großbritannien als Seemacht Nummer 1 vorbereitet sein. Für Helgolands Bewohner hieß das nichts Gutes. Die meisten mussten zu Beginn des Ersten Weltkrieges ihre geliebte Insel verlassen. Als die Soldaten nach Kriegsende abrückten und die Militäreinrichtungen demontiert wurden, kehrten erst sie und dann rasch die Ausflügler zurück.

Immer dabei: Fotograf Schensky, der die wechselvollen Entwicklungen festhielt und mehr als 100000 Bilder schuf, die zum Teil in den Bombenangriffen des nächsten Krieges verloren gingen, die aber vielfach auch erhalten blieben und heute im Helgoland-Museum bei Museumsleiter Jörg Andres zu besichtigen sind.

Sie zeigen zumeist ein Helgoland, das es seit dem Krieg nicht mehr gibt. Denn in einem letzten furchtbaren Angriff mit 1000 Flugzeugen machten die Briten am 18. April 1945 Häuser und Höfe auf der Insel dem Erdboden gleich, Hunderte Hitler-Jungen, die als Flakhelfer abkommandiert waren, starben. Die noch verbliebenen Bewohner hingegen überstanden das Inferno zumeist in den kilometerlangen Tunneln zwischen den Marinebunkern.

Nach dem Krieg verschlug es die Helgoländer ins Festland-Exil, an Schleswig-Holsteins Westküste, nach Hamburg, Schleswig und Cuxhaven. Der alte Schensky verkörpert den verlorenen Heimatlosen, der an Land fürchten muss, dass in der „Operation Big Bang“ seine ganze Insel und damit sein ganzes Leben buchstäblich in die Luft fliegt. Die Briten hatten mehr als 6700 Tonnen Munition, Granaten und Sprengstoff von der Insel selbst oder zusätzlich von außen zusammengetragen, die am 18. April 1947, zwei Jahre nach dem großen Angriff, in der größten nicht-nuklearen Explosion gezündet wurden.

Die Bilder von einst und jetzt, namentlich jene der Fotografen-Ikone Schensky, die Präsentation durch Hubertus Meyer-Burckhardt, aber auch die Bilder von heute, teils spektakulär mit Drohnen-Hilfe produziert, gehen eine glückliche Verbindung ein mit den Erzählungen und Erinnerungen Helgoländer Zeitzeugen, deren viele Geschichten ein Bild der Geschichte entstehen lassen, die man so noch nicht erlebt hat. Das hätte als dokumentarisches Zeitzeugnis wohl gereicht und für sich stehen können. Es möge sich jeder ein eigenes Urteil bilden, ob die teils sehr unglückliche Geschichte der Schenskys an dieser Stelle als roter Faden unverzichtbar war. Dafür aber empfiehlt es sich, das Doku-Drama heute erst einmal zu besichtigen.

Michael Wittler

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