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Kultur im Norden Rowohlt verlässt Reinbek
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18:13 27.12.2017
Der Architekt Fritz Trautwein hat das Verlagsgebäude entworfen. Von ihm stammen unter anderem auch die Hamburger Grindelhochhäuser. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

1960 hat sich Rowohlt in Reinbek im Kreis Stormarn niedergelassen. Da war Deutschland noch geteilt, da gab es Zonenrandförderung und andere Lockungen, genug Gründe jedenfalls, den Architekten Fritz Trautwein ein lichtes und später erweitertes Ensemble in den Überflutungsbereich des Flüsschens Bille planen zu lassen und sich daran zu machen, die Republik vom Rande des Sachsenwaldes aus geistig aufzubauen.

Es sind nur etwa 20 Kilometer, aber sie sind entscheidend. Sie liegen zwischen Reinbek und Hamburg, und sie sorgen dafür, dass Schleswig-Holstein seinen bekanntesten Verlag verliert. Rowohlt zieht um, nach fast 60 Jahren, und es ist nicht mehr zu verhindern.

Rowohlt brachte die Welt in deutsche Lesesessel und Studierstuben. Bücher von Sartre und Musil wurden hier verlegt, von Hemingway, Faulkner und Arno Schmidt. Prominenz kam nach Reinbek, im Fünf-Sterne-Hotel „Waldhaus“ gibt es eine Rowohlt-Suite. Rowohlt ließ seine Rotationsromane vom Band laufen und machte die Kleinstadt mit ihren heute 27500 Einwohnern zu einem Begriff im literarischen Deutschland.

Unten das Ohnsorg-Theater

Und jetzt? Abschied. Umzug in das „Bieberhaus“ am Hamburger Hauptbahnhof, wo unten Heidi Kabel in Bronze vorm Eingang des Ohnsorg-Theaters wacht. Im vierten Quartal nächsten Jahres soll es soweit sein, erklärt der kaufmännische Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff, und viel mehr erklärt er nicht. Man befinde sich momentan in „internen Planungs- und Abstimmungsrunden“, vielen Dank für das Verständnis, mit freundlichen Grüßen, Ende der Durchsage.

Aber man hätte es vielleicht ahnen können. Womöglich schon Ende 2011, als Kraus vom Cleff in einem Interview mit der Industrie- und Handelskammer sagte, man fühle sich „nicht unbedingt als Stormarner“, aber mit Sicherheit als „norddeutscher Verlag“. Im Juli dieses Jahres bekamen die rund 150 Mitarbeiter die Umzugspläne dann bei einer Betriebsversammlung mitgeteilt, im November wurde mit dem „Bieberhaus“ der neue Standort bekannt. Und jetzt sitzt Björn Warmer hier in der Nachbarschaft des Verlags und sagt: „Rowohlt ist ideell nicht ersetzbar. Da kann kommen, wer will.“

Björn Warmer ist Bürgermeister von Reinbek. 42 Jahre alt, Jurist, Sozialdemokrat und jemand mit besonderer Nähe zum Verlag. Seine Mutter hat dort 40 Jahre im Sachbuchlektorat gearbeitet und betreut heute noch das Archiv. Er ist als Kind durch die Gänge mit den langen Fensterreihen gerannt, war Schülerpraktikant, hat als Student bei Rowohlt gejobbt, und wenn er dort heute zur Tür reinkommt, „bin ich immer noch der Björn“.

Ein schwerer Verlust also für die Stadt, ein herber Schlag, vor allem fürs Renommee. „Reinbek war Rowohlt, und Rowohlt war Reinbek“, sagt Warmer. Finanziell sei das zu verkraften, es gebe einige größere Unternehmen im Ort. Man solle jedenfalls nicht davon ausgehen, dass jetzt der größte Gewerbesteuerzahler wegbreche. „Das Thema Rowohlt ist keines der Zahlen, sondern eines des Ansehens und der emotionalen Verbundenheit“, sagt er. „Das war eine Symbiose.“

Bücher beim Weihnachtsmarkt

Rowohlt hat sich engagiert im Ort, war „Rat- und Buchgeber“ gleichermaßen. Die Auszubildenden des Verlags verkaufen jedes Jahr beim Weihnachtsmarkt zurückgeschickte Bücher und spenden das Geld für den guten Zweck. Der Geschäftsführer wohnt in Reinbek und hat sich bei der Stadtentwicklung eingebracht. Es war ein bewährtes Miteinander, man kannte und man schätzte sich, und jetzt ist es wohl vorbei.

Die Gründe? Es geht laut Kraus vom Cleff vor allem um die Mitarbeiter. Zwei Drittel der etwa 150 Beschäftigten kämen aus Hamburg, für die werde es einfacher. Es sind zwar nur gut 20 Minuten mit der S-Bahn, dennoch spreche beim Kampf um Fachkräfte vieles für die Elbmetropole: „Dort schlägt der Puls der Zeit eben lauter als an der Bille.“

„Ja, das ist nun mal so“, sagt Bürgermeister Warmer, für den die Entscheidung nicht ganz überraschend kam. Es sei klar gewesen, dass der Mietvertrag auslaufe, und die Stadt habe natürlich versucht, den Verlag zu halten. Aber am Ende sei es „Wettbewerb“ gewesen, „ganz klassisch“. Die Entscheidung sei sicher bei Rowohlt in Reinbek gefallen, auch wenn es „gewisse Suggestionen“ vom Holtzbrinck-Mutterkonzern aus Stuttgart gegeben haben dürfte.

Angeblich soll Rowohlt jetzt 4300 Quadratmeter im historischen „Bieberhaus“ beziehen, das derzeit komplett eingerüstet ist und hergerichtet wird. Die Mietkosten liegen bei 870000 Euro jährlich, der Vertrag beginnt ab Oktober 2018 und läuft über elf Jahre. So berichtet es zumindest das „Börsenblatt“ unter Berufung auf den Eigentümer, die Alstria Office Reit-AG.

In Reinbek ist man gespannt, wer als Nachmieter in das energetisch bedenkliche, aber teils denkmalgeschützte Rowohlt-Ensemble einzieht. Die Stadtverwaltung, wie es die örtliche SPD-Fraktion vorgeschlagen hatte, werde es nicht sein, sagt Warmer. Dafür sei es zu klein. Er wünsche sich auf jeden Fall jemanden „mit Strahlkraft, das wäre schon schön“. Und es gebe wohl auch Bewegung in der Sache. „Es scheint sich etwas zu tun“, sagt er, mag aber nicht mehr verraten.

Rowohlt werde jedoch etwas mitnehmen aus Reinbek, ein Stück Raufasertapete aus einem Versammlungsraum, auf dem sich viele Autoren des Hauses verewigt haben und das heute geschützt hinter Glas liegt.

Man geht eben niemals so ganz.

Vater und Sohn

1908 hat Ernst Rowohlt seinen Verlag in Leipzig gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Unternehmen von seinem Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt neu aus der Taufe gehoben. 1960, in Ernst Rowohlts Todesjahr, zieht der Verlag von Hamburg nach Reinbek. Das Haus wird später verkauft und von Rowohlt gemietet. Es gehört heute einer Immobiliengesellschaft. 1983 verkauft die Familie Rowohlt auch die letzten Gesellschafteranteile an den Holtzbrinck-Konzern.

Peter Intelmann

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