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Ruhe nach dem Bildersturm

Wedel Ruhe nach dem Bildersturm

Nicole Leidenfrost hat für die Queen ein mit einem blauen Pferd Bild gemalt. Und geriet in einen „Shitstorm“. Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Was hat das mit der Künstlerin aus Wedel gemacht?

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Das Bild des Anstoßes.

Quelle: dpa

Wedel. N icole Leidenfrost saß in Pinneberg auf dem Amt und wollte ihr Wohnmobil zulassen, als das Handy klingelte. Es ging um ein Interview, hieß es. Es gäbe da ein paar Fragen zu ihrem Bild. Also zu dem blauen Pferd. Und zur Queen. Und als sie damit fertig war, kam der nächste Anruf, und dann ging es im Grunde immer so weiter.

Das Bild war ein Geschenk, der Bundespräsident hat es der britischen Königin bei ihrem Staatsbesuch Ende Juni überreicht. Im Schloss Bellevue war das, ein offizieller Rahmen vor alter Bücherwand, und die Queen war einen Moment, sagen wir, irritiert. Sie beugte sich vor:

„Eine seltsame Farbe für ein Pferd.“

Lachen.

„Und dass soll mein Vater sein?“

„Ja“, sagte Joachim Gauck.

„Hast du ihn nicht erkannt?“, fragte Prinz Philip.

„Nein, nicht unbedingt.“

„Und wenn Ihnen das nicht gefällt, nehmen Sie das Marzipan“, sagte Gauck. „Es ist von der berühmtesten Marzipanfabrik. Aus Lübeck. Von Niederegger aus Lübeck.“ Und dann war die Geschichte eigentlich zu Ende. Tatsächlich aber ging sie jetzt erst richtig los.

Es hob an eine Erregung in den Medien und den nervösen Kanälen des weltweiten Netzes. Es meldete sich zu Wort, wer auf der Lauer gelegen hatte für den nächsten kleinen Schock, professionell oder aus Neigung, aus Deutschland und anderswo. „Ist es Bad Painting oder einfach nur schlecht gemalt?“, fragte der britische „Daily Telegraph“ und sprach von „groteskem Kitsch“. „Die Queen schien verwirrt“, schrieb „Time“. Der „Daily Express“ gar befand: „Deutsche beleidigen die Queen mit einem Porträt, das aussieht wie die Arbeit eines Fünfjährigen.“ Selbst ein Professor aus Prag fühlte sich angesprochen und vergriff sich im Ton.

Das war allerhand für ein Gastgeschenk. Für ein Geschenk zumal, das eigentlich für etwas Leichtigkeit hatte sorgen sollen mit seinem Motiv und seiner Farbigkeit. Und gemalt hatte es Nicole Leidenfrost, Künstlerin aus Wedel bei Hamburg, die ein halbes Jahr danach immer noch einigermaßen erstaunt ist, was sie da losgetreten hatte.

„Nein“, sagt sie, „damit habe ich nicht gerechnet, überhaupt nicht.“ Sie war vielmehr sehr begeistert über den Auftrag für ein Bild zu diesem Anlass. Sie hatte bei einer Rotary-Veranstaltung von dem Künstlerpool beim Bundespräsidialamt gehört. Sie bewarb sich, stieß in Berlin auf Gefallen und war auch im Gespräch für ein Bild zum Besuch des ägyptischen Staatspräsidenten. Das zerschlug sich, aber dafür kam eine Anfrage für die Queen. Sie recherchierte, stieß auf ein Foto, auf dem die kleine Elizabeth auf einem Pferd sitzt, die Zügel in der Hand ihres Vaters, und schuf ein Bild nach diesem Bilde. Und dann brach los, was sie einen „Shitstorm“ nennt und was wohl auch tatsächlich einer war.

Nein, sagt sie, es habe sie nicht verletzt. Sie habe damit umgehen können und nicht alles an sich herangelassen. Außerdem sei Kritik ja in Ordnung. Für Künstler in der Öffentlichkeit gehöre das nun mal dazu. Aber vieles sei einfach dumm gewesen, oder diejenigen, die sich zu Wort meldeten, hätten sich nicht informiert. Außerdem habe es auch positive Reaktionen gegeben. Und überhaupt müsse man sich den Rahmen klarmachen, die Dimension. „Es sollte eine Geste sein“, sagt sie. Bei solchen Gelegenheiten würden nun mal keine Renoirs übergeben und keine van Goghs. Da ist die Flughöhe eine andere. Die Königin selbst hatte zwei Kerzenleuchter und „Briefe eines Verstorbenen“ von Prinz Hermann von Pückler-Muskau mitgebracht, also nicht eben die Kronjuwelen. Barack Obama hatte ihr 2009 bei einem Besuch einen iPod mit ihrer Lieblingsmusik geschenkt, von Ronald Reagan gab es einen Computer. Und als sie 1965 in Deutschland war, flog sie mit einem Kanarienvogel im Gepäck nach Haus. So sei ihr Bild denn auch zu verstehen gewesen, sagt die Malerin. Die Leute aber hätten einen gewaltigen Kunstanspruch hineininterpretiert, und das habe nur schiefgehen können.

Aber es war natürlich auch eine großartige Werbung. Sie war im Gespräch und hat auf dem Höhepunkt des Shitstorms die meisten Bilder verkauft. Ihre Pferde gingen zuerst weg, aber auch Hunde, Löwen und anderes. Sie ließ T-Shirts mit dem Bild und Gaucks Marzipan-Satz drucken, eine Handtasche gab es auch. Um die Queen-Causa drehte sich gar eine Frage in einer Pilawa-Show. Wie man mit öffentlicher Erregung umgeht, kann sie ganz gut in ihrer Arbeit als Coach vermitteln. Teurer geworden sind ihre Bilder ebenfalls, sie kosten jetzt zwischen 3000 und 4000 Euro. Und, im Vertrauen, das erste blaue Pferd der Kunstgeschichte ist es auch nicht gewesen.

Peter Intelmann

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