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Samtweich, elegant und gelassen

Lübeck Samtweich, elegant und gelassen

Der 25 Jahre alte Hornist Felix Klieser wurde mit dem Leonard Bernstein Award ausgezeichnet.

Felix Klieser mit dem Schleswig-Holstein Festivalorchester unter der Leitung von Michael Sanderling.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Lübeck. Man muss sich Felix Klieser als glücklichen Menschen vorstellen. Nicht wegen seines Vornamens (der Glückliche), sondern weil er schon in jungen Jahren gelernt hat, ganz in sich zu ruhen. Er rollt zwar wie Sisyphos ständig einen großen Stein den Berg hinauf, aber anders als beim antiken König von Korinth purzelt der Brocken nicht wieder ins Tal.

Klieser erreicht, so versichert er, immer neue Höhen und Abenteuer.

Felix Klieser ist Hornist, erst 25 Jahre alt, am Donnerstagabend wurde für ihn in der Lübecker Musik- und Kongresshalle ein großer Bahnhof veranstaltet: Er erhielt den mit 10000 Euro dotierten Leonard Bernstein Award, der jüngere, hochtalentierte Musiker fördern soll. Auf die Frage eines etwas marktschreierischen Moderators („Hallo Lübeck!“), wie das sei, nie mit dem Erreichten zufrieden zu sein und täglich acht Stunden an seinem Können zu arbeiten, antwortete Klieser so originell wie schlicht: „Man hat jeden Tag einen guten Grund aufzustehen.“

Für ihn sei an der Auszeichnung wichtig, dass sie sein Instrument in den Mittelpunkt des Interesses rücke, sagte er noch, das Waldhorn führe als Soloinstrument ja eher ein Schattendasein.

Er stellt es ins Licht. Vor der Preisverleihung hatte Klieser gemeinsam mit dem Festivalorchester Joseph Haydns Hornkonzert in D-Dur gespielt (von dem man heute annimmt, dass es von Haydns Bruder Michael stammt). Sein Ton ist samtweich und elegant, er muss nicht knatternd auftrumpfen. Mit dem Dirigenten Michael Sanderling hat er sich im ersten Satz auf einen vorwärtstreibenden Swing geeinigt.

Die Kadenzen, bei denen Solisten gerne ihre Virtuosität ausstellen, bietet Klieser mit geschmeidigen Trillern und feiner Musikalität an. Seine Sache sind die Melodiebögen, die er fast ohne Vibrato und mit Gelassenheit abschreitet.

Diese Musikauffassung teilte offenbar auch der Dirigent. In großer Besetzung waren zu Beginn des Konzerts die „Variationen über ein Thema von Joseph Haydn“ von Johannes Brahms zu hören. Ein federleicht intoniertes Thema (das vermutlich auch nicht von Haydn stammt) der Holzbläser wird mit Unterstützung des Blechs zur Hymne. Den Geigen obliegt es, die erste Variation auszuschmücken, doch bald siegt der große sinfonische Brahms- Ton über das kleine Choral-Thema.

Das Festivalorchester aus Instrumentalisten von vier Kontinenten – Höchstalter: 26 Jahre – lieferte auch bei der abschließenden erster Sinfonie von Brahms den Beweis, dass ein Dirigent wie Sanderling mit talentierten und begeisterungsfähigen jungen Musikern schnell einen soliden, mit großem Atem aufspielenden Klangkörper formen kann. Immer wieder traten die Konzertmeisterin und einzelne Bläser mit sicheren Soli hervor.

Über Felix Klieser muss man dann doch noch ein paar Sätze anschließen: Er wurde ohne Arme geboren, bedient die Ventile des Instruments mit den Zehen des linken Fußes. Natürlich veranlasste diese Tatsache Konzertbesucher zu Spekulationen, „wie so jemand seinen Alltag bewältigt – der braucht doch immer jemand an seiner Seite“. Braucht er nicht, Felix Klieser schleppt sein Horn selbst, fährt selbst Auto, kocht selbst und will aus seinem Handicap keine große Sache machen. Auffällig war bei der Preisverleihung, bei der neben dem immer souveränen SHMF-Intendanten Christian Kuhnt auch Reinhard Boll vom Sparkassen- und Giroverband (der den Preis finanziert) und Leonard Bernsteins Kinder Jamie und Alexander standen, dass die Tatsache, dass man dem jungen Mann nicht die Hand schütteln kann, eine gewissen Befangenheit auslöst. Alle behalfen sich mit einer knappen Umarmung. Etwas, was Felix Klieser selbst nicht erwidern kann.

Der Preis

Der Leonard Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musik Festivals erinnert an den US-amerikanischen Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein, der 1987 die Orchesterakademie des SHMF gründete, aus der jedes Jahr das Festivalorchester hervorgeht. Der Preis wird seit 2002 an besonders begabte Nachwuchsmusiker vergeben. Das Preisgeld beträgt 10000 Euro, gestiftet von der Sparkassen-Finanzgruppe. Der erste Preisträger war der chinesische Pianist Lang Lang.

 Michael Berger

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