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Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Paris Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Ein Höhepunkt des französischen Kulturjahrs: Nach mehr als 45 Jahren gibt es wieder eine Ausstellung mit Bildern von Paul Klee in Paris — und eine Weltpremiere.

Paris. . Übergroßer Kopf, ausgebreitete Hände, die sich gegen den Himmel öffnen — so wie bei der Jesusfigur von Matthias Grünewald auf dem berühmten Isenheimer Altar. „Angelus novus“ heißt die aquarellierte Ölfarbzeichnung von Paul Klee (1879—1940) aus dem Jahr 1920. In Paris hängt das Werk aus den Sammlungen des Israel-Museums in Jerusalem nun erstmals neben „Vorführung des Wunders“ (1916) aus dem Museum of Modern Art in New York. Das sei eine Weltpremiere, sagt Angela Lampe, die Kuratorin der Klee-Ausstellung im Centre Georges Pompidou. Noch nie seien die Werke zusammen ausgestellt gewesen. Beide gehörten dem Philosophen Walter Benjamin (1892—1940), Klees erstem namhaften Sammler.

 

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Ironie am Werk: Klee-Gemälde „Hauptstraßen und Nebenstraßen“ (1929) in der Ausstellung des Centre Pompidou.

Quelle: François Guillot/afp
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Nach mehr als 45 Jahren widmet Paris einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts wieder eine umfassende Ausstellung. Mit rund 250 Werken kann sich das Museum rühmen, eine Meisterleistung gestemmt zu haben. Klees Werke  gelten als besonders fragil. Die Exponate stammen aus den bedeutendsten Museen weltweit, etwa 40 Prozent sind Leihgaben des Zentrums Paul Klee in Bern. Rund 60 Prozent seien in Frankreich erstmals öffentlich zu sehen, erklärt die Kuratorin weiter.

Die bis zum 1. August dauernde Werkschau gehört zweifellos zu den Höhepunkten der Pariser Kul-

tursaison. Nicht nur wegen ihrer beeindruckenden Anzahl von Arbeiten, von denen auch viele aus Privatsammlungen stammen. Sie rückt auch auf schlüssige Weise ein bislang nur wenig thematisiertes Sujet in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Paul Klee — L‘ironie à l'oeuvre“ (Paul Klee — Ein Werk voller Ironie) wird der Aspekt des Grotesken und der Satire als prägendes Element seines Schaffens beleuchtet.

Ein ausgezehrter Frauenkörper stützt sich unter dem Titel „Jungfrau (träumend)“ auf einen knorrigen Ast auf, ein hässlicher Männerkörper verbeugt sich vor einer Krone und hebt dabei seinen Steiß

ehrfurchtsvoll in die Höhe. Beide Radierungen sind frühe Arbeiten aus den Jahren 1903 und 1904, die nach einer Reise durch Italien entstanden sind. Klee habe erkannt, dass in der Antike die Schönheit der Form ihren Höhepunkt erreicht habe. Da er sie nicht imitieren wollte, begann er sie zu karikieren, sagt Kuratorin Lampe. 

Ironie durchzieht Klees Gesamtwerk. Obwohl ihn der Kubismus faszinierte und Klee ihn ab 1910 teilweise umzusetzen begann, spiegeln seine Arbeiten gleichzeitig auch Kritik wider. Beispielhaft dafür steht das Aquarell „Die Hoffnungslosen“, ein buntes Durcheinander schwebender, stark schematisierter Figuren. Klee habe hier die Figuren aus der engen, kubistischen Formauffassung befreit, erklärt Angela Lampe.

Faszination und Abwehr kommen auch  in den Werken in seiner Zeit als Lehrer am Bauhaus in Weimar und Dessau von 1920 bis 1931 zum Ausdruck. Zwar vertrat er die Ästhetik der klaren Formen, doch als für ihn das Konzept der konstruktiven Bilder zu weit ging, entwarf Klee bunte Malereien, in der keine Linie mehr gerade ist.

Klees Auffassung von Ironie lehnt sich an die von Friedrich Schlegel an. Für den deutschen Philosophen soll in ihr „alles Scherz und Ernst sein, alles treuherzig offen, und alles tief verstellt“. Der Spott galt auch seiner eigenen Person. Niemand bräuchte sich über ihn lustig zu machen, das mache schon er selbst, hatte er einst gesagt. „Maske eines (jungen) Schauspielers“ heißt das Selbstbildnis zu Beginn der Ausstellung. Ein kleines Ölgemälde, auf dem Klee eine Art rote Narrenkappe trägt.

Centre Pompidou, Paris, bis zum 1. August, täglich von 11 Uhr bis 21 Uhr geöffnet; Dienstags geschlossen.

Schweizer oder Deutscher

Paul Klee (1879—1940, Foto unten von 1921) wurde zwar im Schweizer Kanton Bern geboren, doch er gilt als deutscher Maler. Sein Vater war ein deutscher Musiklehrer am Bernischen Staatsseminar in Hofwil. Seine Mutter war Sängerin. Die Eltern wollten, dass auch ihr Sohn Musiker wird — er spielte schon als Jugendlicher professionell die Geige. Doch der ging nach München zum Kunststudium. Weil Paul Klee sich nicht in der Schweiz einbürgern ließ, blieb ihm 1916 der Kriegseinsatz im deutschen Heer nicht erspart. Nach dem Krieg schloss er sich der Gruppe „Blauer Reiter“ an. Ab 1920 lehrte Klee am Bauhaus. Die Nationalsozialisten trieben ihn aus dem Land. Er verabschiedete sich 1933 von Kollegen mit den Worten: „Meine Herren, es riecht in Europa bedenklich nach Leichen“ und zog wieder in die Schweiz.

Von Sabine Glaubitz

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