Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Scharfkantiges von Nazareth

Lübeck Scharfkantiges von Nazareth

Die Band aus Schottland liefert Hardrock alter Schule im Lübecker Werkhof.

Voriger Artikel
Eine Stiftung zum Kniefall
Nächster Artikel
„Spannend, lustig und ein bisschen gruselig“

Die guten alten Gesten: Gitarrist Jimmy Murrison (v. l.), Sänger Carl Sentance, Schlagzeuger Lee Agnew und Bassist Pete Agnew. FOTOS: OLAF MALZAHN

Lübeck. Dan McCafferty ist nicht mehr dabei. Der schottische Sänger hat Nazareth mitgegründet, 1969 war das, vor einer halben Ewigkeit. Aber vor drei Jahren meinte der Arzt, mit seiner chronischen Lungenerkrankung sollte er jetzt besser nicht mehr auf Tournee gehen. Also stand am Mittwochabend in Lübeck Carl Sentance am Mikrofon, und er hatte einigen Spaß dabei.

LN-Bild

Die Band aus Schottland liefert Hardrock alter Schule im Lübecker Werkhof.

Zur Bildergalerie

Nazareth haben Millionen und Abermillionen Platten verkauft, die Siebziger waren ihre große Zeit. Die Siebziger aber sind schon eine Weile her, trotzdem war der Werkhof sehr gut gefüllt. Und es dauerte nicht lange, bis mit „This Flight Tonight“ der erste ihrer großen Songs zu hören war. Es folgten weitere, „Love Hurts“ und „Dream On“ zum Beispiel, gut ausgependelte Balladen, man kommt ja nicht daran vorbei nach all den Jahren. Zwischendurch aber gab es auch eine Reihe sehr handelsüblicher Rocknummern, wie sich der Abend überhaupt zu einem erstaunlich scharfkantigen Hardrockkonzert entwickelte.

Mit Pete Agnew, Architekt von Hause aus, ist nur noch ein Gründungsmitglied dabei. Kahlköpfig und mit einer gewissen Leguanhaftigkeit stand er am Bass, sang hier und da ein bisschen mit und sagte ansonsten kaum einen Ton. Jimmy Murrison fand auf seiner Gibson-Gitarre einen Platz für immer noch ein Solo, und Agnews Sohn Lee am Schlagzeug hielt die Sache mit rechter Präzision beisammen. Die Bühne aber beherrschte Carl Sentance, der einst unter anderem bei der Schweizer Hardrockband Krokus gesungen hat und nebenher sein altes Bandprojekt Persian Risk betreibt.

Er hat nicht die Tonlage McCaffertys, natürlich nicht, das wäre ja auch gespenstisch. Aber er kommt ihr sehr nahe. McCafferty hatte dieses Kehlige in der Stimme, Sentance kennt es auch, ist aber doch mehr im klassischen Rock- und Metalgesang zu Hause. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich hat er eine Vergangenheit in diversen Bands aus dieser Gegend. Und die Gesten und Rituale des Genres sind ihm auch nicht fremd. Die meist schon etwas älteren Zuschauer erkannten sie alle wieder.

Nazareth hat im Übrigen nichts mit Religion zu tun. Der Name weist zurück auf eine Zeile aus „The Weight“, einem Song von The Band. Es geht um einen Ort, an dem man zu Hause ist und zur Ruhe kommt, und erstaunlicherweise haben sie sich bei einem Abend an der Hotelbar dafür entschieden. Denn zur Ruhe gekommen sind sie selten in ihrer Karriere. Nach den großen Anfangserfolgen wurde es in den Achtzigerjahren stiller um die Band. Phasenweise stand sie ohne Plattenvertrag da. Aber mit dem Aufkommen einer neuen Generation gerade auch britischen Hardrocks fand Nazareth wieder einigermaßen in die Spur. Axl Rose, der Sänger von Guns ’N Roses, wollte sie gar für seine Hochzeitsfeier engagieren. Sie sollten „Love Hurts“ spielen, erzählte McCafferty in einem Interview. Die Everly Brothers hatten den Song groß gemacht, und Axl Rose wollte eine der Everly-Töchter heiraten. Aber es wurde nichts daraus. Als Hochzeitskapelle waren sie sich dann doch zu schade.

Vielleicht hätten sie bei der Gelegenheit auch „Morning Dew“ gespielt. Der Song passt zwar so überhaupt nicht zum Heiraten, aber er zählt zu den Nazareth-Klassikern. Von Jeff Beck – mit einem unglaublichen Rod Stewart als Sänger – bis zu den Einstürzenden Neubauten haben sich viele Bands daran versucht, Nazareth aber haben sicher die bekannteste Version geliefert. Auch in Lübeck wurde der Song stark bejubelt, als er sich langsam aus einem nebligen Gitarrenrauschen Murrisons zu schälen begann. Nacht etwa anderthalb Stunden gab es noch eine Zugabe, dann war Schluss.

Als Vorband war Luke Gasser zu hören, ein Trio aus der Schweiz. Mit Gitarre, Bass und Schlagzeug lieferte es in klassischer Besetzung umstandslosen Rock und machte am Vorabend des neuen Stones-Albums auch vor einer „Sympathy For The Devil“-Einlage nicht halt. Am Ende erinnerte Namensgeber Luke Gasser an den Satz Frank Zappas, wonach „Politik das Unterhaltungsprogramm der Rüstungsindustrie“ sei, und dann hatte man wieder was gelernt.

Millionen verkaufte Platten

Rock’n’Roll Telephone heißt das letzte Album von Nazareth. Entstanden ist es vor zwei Jahren. An die alten Zeiten aber reicht es nicht heran. Die waren mit 45 bis 60 Millionen verkauften Platten – die Angaben variieren da – überaus erfolgreich und ließen die Band neben Deep Purple, Led Zeppelin oder Black Sabbath zu den Größen des harten Rock-Bereichs werden.

Pete Agnew hatte 1961 eine Band namens The Shadettes gegründet, aus der sich später Nazareth entwickelte. Der Sänger Dan McCafferty stieß 1965 dazu. 1971 veröffentlichte die Band unter dem neuen Namen die erste Platte, unter anderem mit „Morning Dew“ darauf. Seither hat sie es auf etwa zwei Dutzend Studioalben gebracht.

Peter Intelmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden