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Kultur im Norden Schauspieler Charly Hübner: Punk-Fels in der Brandung
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Schauspieler Charly Hübner: Punk-Fels in der Brandung
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06:00 21.10.2017
Der Schauspieler Charly Hübner hat eine Dokumentation über die linke Band Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern gedreht. Quelle: Neue Visionen Filmverleih
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Lübeck

Seit wann kennen Sie Monchi und die Band? Wir haben 2012 für einen „Polizeiruf“ in Rostock gedreht. Und zwar dort, wo das Antifa-Haus steht, was wir nicht wussten. Wir wurden angepöbelt, und dann sagte plötzlich jemand: „Ey, das sind doch Bukow und König“, und wir kriegten mit, dass das alles tätowierte, lustige junge Männer waren. Da haben wir uns das erste Mal gesehen. Ein halbes Jahr später habe ich im „Musikexpress“ gelesen, dass eine Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Das hat mich irritiert. Aber auf dem Foto habe ich die Leute vom „Polizeiruf“ wiedererkannt. Und als ich 2013 einen Kurzfilm für die ARD über Mecklenburg-Vorpommern drehen durfte und wir Archetypen suchten, die für das Land stehen, kam uns Monchi wieder in den Sinn. Dann haben der NDR und Eichholz-Film darauf hingearbeitet, dass ich einen langen Dokumentarfilm mache, und da habe ich gesagt: Okay, dann gucken wir denen mal drei, vier Jahre zu, wie sie sich so durch die Welt bewegen.

Erkennen Sie sich in Monchi wieder? Nicht direkt! Er ist jemand, der genau das Leben lebt, das ich nicht lebe. Ich bin irgendwann weggegangen aus der Heimat, weil ich mich für einen Beruf entschieden habe, für den Identität nur eine Behauptung ist.

Wie wichtig sind Leute wie Monchi dort, wo er lebt? Ganz wichtig. Das merkt man ja auch an dem Erfolg, den sie nicht nur dort haben, sondern inzwischen im ganzen deutschsprachigen Raum. Sie sind ja auch in Österreich und der Schweiz richtige Stars geworden. Sie verkörpern eine Art von Authentizität, die in dieser Zeit heute wie ein Magnet wirkt, wie der Metallfuß von einem Ständer. Die geben ganz viel Kraft. Und das ist wichtig, denn viele Leute verlieren heute ihre Kraft, weil sie einen Job suchen oder jeden Tag pendeln müssen. Da ist jemand wie Monchi ein toller Begleiter. Als Sänger wie als Typ.

Haben Sie noch Kontakt zu Freunden von früher in Feldberg oder Neustrelitz? Ja, jetzt zunehmend wieder. Es kommen auch immer mehr Schulfreunde aus Berlin oder anderen Regionen zurück. Und wir sind uns alle einig: So etwas Schönes wie die Feldberger Seenlandschaft gibt es nicht noch mal.

Sind unter den alten Bekannten auch AfD-Wähler? Nein, in meinem Umfeld weiß ich von keinem.

Haben Sie Verständnis dafür, dass man in Mecklenburg-Vorpommern aus Protest AfD wählt? Ich habe totales Verständnis dafür, dass man Protest wählt. Wobei: Das Rechts-Links-Thema wird jetzt zwar medial bearbeitet, aber viel wichtiger sind für mich die Themen: arm – reich, frei – unfrei, gewaltbereit – nicht gewaltbereit. Aber die finden ja im Moment gar nicht statt. Es gibt ganz viele Menschen, die an diesem kapitalistischen Wettbewerb gar nicht teilnehmen können, wenn sie ihre Heimat nicht aufgeben. Du musst alles hinter dir lassen, und es gibt Menschen, die können das nicht. Ich kenne ganz viele, denen es materiell ganz schlecht geht, nicht nur zu Hause, auch in den großen Städten. Und die sagen: Ich habe keinen Bock mehr auf die, die in den letzten Jahren die Verantwortung hatten. Aber dass man sich dann für identitäre, nationalistische oder völkische Bewegungen entscheidet, das ist mir völlig wesensfremd.

Sie leben jetzt im Westen. Verändert das den Blick auf den Osten? Schwierige Frage, weil ich ja genau in der Frage lebe. Aber es gibt für mich dabei schon noch einen Unterschied zwischen Stadt und Land. Und ich weiß auch gar nicht, wie es mir ginge, wenn ich auf dem Land leben würde. Ich brauche die Stadt als Ort, wo sich ganz viel begegnet. Das ist für mich die eigene Heimat geworden, die Lebensheimat. Das andere ist die Herkunftsheimat. Aber die ist ganz wichtig, weil dort die Wurzeln sind.

Schauen Sie eher optimistisch oder pessimistisch auf den Osten? Ich bin immer optimistisch. Die Mathematik ist ein Naturgesetz, jede Sinuskurve hat einen Hügel und ein Tal. Man muss sich dann die Mühe machen und die Zyklen ansehen. Durch die Gründung der DDR wurde ein neuer Zyklus geschaffen, der nicht so funktionierte wie der in der BRD, wo durch das Angloamerikanische eine ganz andere Identität eingepflanzt wurde.

Dass Sie die Band drei Jahre begleitet haben, lag an Ihren vielen anderen Projekten und der knappen Zeit? Nein, wir haben uns gefragt: Was wird aus denen werden? Schaffen sie den Sprung zu einer professionellen Popband? Wie werden die sich als Gruppe vertragen? Wie lange halten sie den politischen Druck von allen Seiten auch nervlich aus? Ich hätte ja am liebsten fünf Jahre gedreht.

Hat Monchi sich verändert in dieser Zeit? Natürlich. Alle. Sie sind einfach weiter in dem gewachsen. Die ersten Interviews sind noch geprägt von Wut und Ratlosigkeit, in den letzten Interviews haben sie Antworten gefunden. Sie haben die politische Verantwortung, die sie von den Fans gespürt haben, auch angenommen. Da ist Monchi ein treibendes Element, sicher, aber die anderen tragen das auch alle in sich. Da ist keiner nicht politisch in der Band, auch im Umfeld nicht.

Interview: Peter Intelmann

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