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Kultur im Norden „Scheitern als Sieg — das macht Spaß“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Scheitern als Sieg — das macht Spaß“
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18:28 26.10.2013
Quelle: imago
Lübeck

Lübecker Nachrichten: Auch Sie haben nun ein Buch geschrieben und tragen daraus in Lübeck vor. Was dürfen wir erwarten?

Piet Klocke: Ich lese eben aus diesem Büchlein . . .

LN: . . . was da heißt?

Klocke: Der Titel lautet „Kann ich hier mal eine Sache zu Ende?!“

LN: Was für Geschichten haben Sie aufgeschrieben?

Klocke: Es ist ein Sammelsurium aus unterschiedlichsten Emotionen, Gedanken, Aphorismen, kleinen lyrischen Ergüssen, Alltagsbeobachtungen. Auch manche, die man nicht von jemandem erwartet, der mit einem bestimmten Fernsehgesicht durch die Gegend läuft. Es wird ein Rundumschlag durch meine Synapsenwelt.

LN: Es wird also kein Abend mit der Figur des zerstreuten, verhuschten Professor Schmidt-Hindemith?

Klocke: Vielleicht peripher. Aber mein Gehirn funktioniert ja ähnlich wie das seine, sonst könnte ich diese Figur nicht zum Leben erwecken.

LN: Herr Klocke, Sie haben jetzt fast zehn Sätze gesagt, die Subjekt, Prädikat und Objekt hatten. Das kennt man von Ihrem Bühnenprogramm nicht, da sind Sie der Meister des gepflegten Halbsatzes.

Klocke: Ich befinde mich eben jetzt nicht auf der Bühne, ich sitze auf meinem kleinen Gartenstuhl. Bei Auftritten lasse ich meinem Gehirn assoziativen Raum. Das geht manchmal so schnell — das kennt jeder von sich —, dass ich in einer Tausendstelsekunde entscheiden muss, wohin der Gedanke wohl hinstrebt. Daher kommt diese oftmals brüchige Sprache. Im normalen Leben funktioniert mein Denken bedächtiger.

LN: Der Wandel von der Bühnenfigur in die zivile Existenz — wie funktioniert das bei ihnen?

Klocke: Dieser Wechsel fällt mir eigentlich leicht, weil ich die Rolle an- und ausknipsen kann. Hilfreich war zu Anfang, dass ich mich verkleidete, ich zog mir clowneske Sachen an. Das brauche ich inzwischen nicht mehr. Ich gehe auf die Bühne, lege den Schalter im Gehirn um. Wenn das Programm zuende ist, schalte ich zurück. Wenn ich allerdings neue Dinge entwickle — soeben erarbeite ich mit meiner Saxofonistin Simone Sonnenschein ein neues Bühnenprogramm —, dann muss ich mich oft künstlich in die Situation der Stressanhebung begeben, damit mir etwas einfällt. Es klappt nicht immer, aber es hilft.

LN: Das heißt, die Verhaspelei entsteht meist spontan auf der Bühne und ist nicht einstudiert?

Klocke: Das entsteht aus dem Moment heraus. Die Zuschauer haben schließlich ein Recht darauf, mit mir gemeinsam einen netten, unverstellten Abend erleben. Die Leute haben schließlich Geld dafür bezahlt, dass etwas passiert, was nicht nur runtergespult ist. Ich habe natürlich meine Themenblöcke, die ich abarbeite, habe auch meine Lieblingsstellen — auch in dem Büchlein. Aber ich wechsele schnell mal die Materie, weil auch ich bei der Geschwindigkeit, mit der heute alles abläuft, schnell gelangweilt bin.

LN: Und wenn Sie stolpern?

Klocke: Dann hat das System. Es macht mir und dem Publikum meist großes Vergnügen, wenn ich hängenbleibe und assoziativ nicht weiterkomme. Scheitern als Sieg habe ich das kürzlich als Thema eines Volkshochschulseminars genannt. Danach läuft viel bei mir, das ist das alte Clownsprinzip.

LN: Sie waren nicht immer Clown. Ihre Biografie weist Sie als Gitarrist, Komponist von Filmmusik und überhaupt als Schöpfer von Hochkultur aus. Werden Sie von vielen Menschen unterschätzt?

Klocke: Es kann sein, dass es so scheint, dass ich mich auf der Bühne unter Wert verkaufe. Das war aber nicht der Plan. Nun bin ich in der Ecke des Clowns zu Bekanntheit geraten, und die Medien ordnen einen dann schnell zu einem Vertreter der niederen Minne zu. Ich galt schnell als einer, der planlos mit den Armen fuchtelt und keinen Satz zuende spricht. Ich kam tatsächlich aus einer ganz anderen Ecke, ich bin klassischer Gitarrist und habe unter anderem Musiktheater gemacht. Als dieser bayrische Politiker vor Jahren plötzlich auch herumzustottern begann . . .

LN: . . . Edmund Stoiber . . .

Klocke: . . . da habe ich gedacht, um Gottes Willen, hat der drei Gläser Bier getrunken und macht jetzt dasselbe wie ich? Damit will ich nicht gemein gemacht werden.

LN: Flüchten Sie jetzt dauerhaft ins Bücherschreiben?

Klocke: Um Himmels Willen, nein. In der Lesung versuche ich allerdings tatsächlich, das Bild, das die Medien von mir verbreiten, etwas aufzubrechen. Ich streue manchmal kleine Gedichte ein, die man von mir nicht erwartet. Und auf meinem T-Shirt steht in Spiegelschrift „Komik ist Tragik“.

LN: Wie werden Sie Ihre Bühnenfigur Schmidt-Hindemith weiterentwickeln? Politisch?

Klocke: Ich bin kein politischer Kabarettist, dazu rege ich mich zu leicht auf. Ich will auf jeden Fall dieses duale System aus tiefen Emotionen und der scheinbar wissenschaftlichen Art und Weise, über solche Empfindungen hinwegzugehen, stärker betonen. Ich will den Professor bekehren — auch mithilfe von Simone Sonnenschein, die wunderbar sentimentale Musik macht —, und zwar zur Erkenntnis, dass auch er ein Privatleben hat, sogar Beziehungen und Sex. Er vermittelt ja in seiner sachlichen Art, dass sich die Welt zum Besseren wenden würde, wenn man nur alles erklären könnte.

Und nun wollen wir wissen: Hat der Mann schon einmal Liebeskummer gehabt, kennt er Gefühle wie Sentimentalität und Melancholie? Das testen wir jetzt aus. Unter Beibehaltung des Humors.

Interview: Michael Berger

Der Komödiant, sein neuestes Werk und sein Bühnenprogramm
Piet Klocke, geboren am 20. Dezember 1957 in Bremen, war ursprünglich Gitarrist und Filmkomponist, bevor er mit seiner Comedy-Figur, dem zerstreuten Professors Schmidt-Hindemith, auf Bühnen und im Fernsehen Erfolg hatte. Daneben spielte er in zahlreichen Filmen mit („Das fliegende Klassenzimmer“, „Rapunzel“).


Sein neues Buch, das Lebensweisheiten, schnelle Gags, Poesie und auch die Annäherung an große Fragen der Menschheit (Wer bin ich?) enthält, heißt nach der Sprechweise des Komödianten „Kann ich hier mal eine Sache zu Ende !?“ (Heyne, 288 Seiten, 12,99 Euro). Klocke offenbart darin auch Biografisches in Bild und Wort, zum Beispiel dieses: „Nach dem Abitur bot ich mich bei einer Firma als Sachverständiger an, wurde aber mit der Bemerkung abgelehnt, man wüsste bereits alles.“


Auftritt Klockes im Lübecker Kolosseum (Kronsforder Allee 25): Mi., 6. November, 20 Uhr. Karten kosten im Vorverkauf 20, an der Abendkasse 25 Euro

LN

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