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Kultur im Norden Schiphorst – das etwas andere Festival
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20:10 24.06.2017
Schiphorst

Mainz, Nordfriesland, Niederlande – es stehen eine Menge Autos mit fremden Kennzeichen an diesem Wochenende in Schiphorst. Sie parken rund um einen ehemaligen Bauernhof, der viel Platz bietet für Besucher und einen freien Geist gleichermaßen. Nach drei Jahren Pausen meldet sich das Avantgarde-Festival zurück, und das tut es mit dem erprobten Sinn für Unerhörtes.

Für Bobby Conn und Monica BouBou zum Beispiel, zwei Musiker aus Chicago, die am frühen Freitagabend spielen. Ein Frau im weißen schulterfreien Kleid, ein Mann im weißen Trainingsanzug und auf Plateausohlen, als wären die Siebzigerjahre noch nicht vorbei. Und dann zeigen sie, was in Violine, Gitarre und Laptop alles verborgen sein kann. Wie die White Stripes zaubern sie ein ganzes Rockorchester auf die Bühne, mit Falsettgesang, einer funky Gitarre, die auch etwas vom Blues versteht, alles abgerundet von Monica BouBous Geigenschwüngen und begutachtet von zwei Schwalben, die sich in die Diele verirren. Und weil sie hier im Haus von Jean-Hervé Peron sind, einem der Faust- Gründer, spielen sie mit „Flashback Caruso“ auch einen Song der legendären Band.

Peron hat das Festival Mitte der Neunzigerjahre gestartet. Inzwischen hat seine Tochter Jeanne- Marie Varain mit ihren Freundinnen Ines und Julia die Federführung übernommen. Von gut 200 Besuchern konnten sie ausgehen, sagt sie. Dazu kommen Tagesgäste, auch Leute aus dem Ort. Zur Eröffnung hält Bürgermeister Hans Burmeister eine Rede, dann übernehmen die Bands die Geschäfte.

Als das Duo aus Chicago unten auf der Bühne fertig ist, machen die Dwarphs oben auf dem Dachboden weiter. Auch sie sind zu zweit, ein Gitarrist und ein Drummer, und auch sie klingen wie eine ganze Armee. Ein instrumentaler Postrock ist das, was da aus der hoch geschnallten Gitarre und dem Schlagzeug hervorbricht. Es ist laut und präzise, mathematisch fast, eine Übung in kalkulierter Härte, und dann lassen sie wieder die schwarzen Hunde los.

Rytmiskonskvens sind eine geheimnisvolle Angelegenheit. Sie spielen hinter leichten Vorhängen, die wie Spinnweben vor der Bühne hängen. Es sind verborgene Manöver im roten Licht, Schemen und Schatten zeichnen sich ab. Es ist hypnotisch, Herzschlagtöne hallen, Stimmen wispern, Saxofon und Trompete wehen durch eine Echokammer. Es ist Novembermusik, die man hört, wenn man morgens um halb drei durch das regennasse Gelsenkirchen fährt. Oder durch das verschneite Norddeutschland. Dann ist es vorbei, hinter dem Vorhang kommen drei junge Frauen hervor, verbeugen sich und werden heftig beklatscht – Rytmiskonskvens aus Schweden.

Geoff Leigh hat in den Siebzigern bei Henry Cow gespielt, einer britischen Artrockband. Jetzt steht er mit Makoto Kawabata auf der Bühne. Auch sie schichten dröhnende Klangflächen aufeinander, als würden in der Ferne Eisberge bersten. Kawabata bearbeitet seine Gitarre mit dem Bogen, Leigh greift zur Querflöte. So wagen sie sich immer weiter vor in einen Gespensterwald, in dem seltsame Dinge zu geschehen scheinen.

Gut drei Dutzend Bands und Solisten stehen auf dem Programm, gestern unter anderem Asmus Tietchens und Faust, heute geht es weiter. Um 16 Uhr endet das Festival mit einem Jam for Worldpeace am Dorfteich. Und in zwei Jahren soll es eine Neuauflage geben. int

Info: Ticket für heute 25 Euro

LN

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