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Schlager, die die Welt bewegten

Lübeck Schlager, die die Welt bewegten

Der deutsche Schlager ist ein kulturelles Phänomen. Er hat sich immer dem Zeitgeist angepasst und so sämtliche musikalische Moden überlebt.

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Lübeck. Wenn sie glüh'n, vom Stadtpark die Laternen, fahr ich mit meiner Lisa zum schiefen Turm von Pisa, treffe dort zwei kleine Italiener und baue ein Hotel, ganz für uns allein gedacht. Dort bring' ich auch munter den Mülleimer runter, für Gabi tu' ich alles. Denn eine neue Liebe ist wie ein neues Leben. Wenn im Wagen vor mir ein schönes Mädchen fährt, und das am Tag, als der Regen kam, dann ist die ganze Welt himmelblau, sprach der alte Häuptling der Indianer. Kompletter Nonsens? Natürlich. Und zugleich die Quintessenz des deutschen Schlagers. Und diesem sehr speziellen Teil des deutschen musikalischen Schaffens widmet der NDR einen neuen Spartensender namens NDR Plus. Am 5. Juli geht er auf Sendung.

Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben.“Theodor W. Adorno

Was ein Schlager überhaupt ist, darüber kann man sich trefflich streiten. Glaubt man Heinrich Heine („Briefe aus Berlin“), dann war „Wir winden Dir den Jungfernkranz“ aus Webers „Freischütz“ ein Schlager. Schon direkt nach der Uraufführung am 18. Juni 1821 hörte man das Lied überall in Berlin – Heine fühlte sich verfolgt. In Wien war „Glücklich ist, wer vergisst“ aus der „Fledermaus“ gut 50 Jahre später ein Schlager. Womit sich der NDR – ähnlich wie das Deutsche Musikfernsehen – beschäftigen wird, das sind die Lieder von Größen wie Rex Gildo, Roberto Blanco, Jürgen Marcus oder Cindy und Bert. Die haben sich ja sogar einmal an dem Song „Paranoid“ von Black Sabbath vergriffen, „Der Hund von Baskerville“ hieß die Adaption (für Unerschrockene auf You Tube zu sehen). Klassische Schlager aus der Zeit, ehe die Beatles die Musik revolutionierten.

Dem Zeitgeist auf der Spur

Aber trotz der Beat-Revolution lebte der schon so oft totgesagte Schlager weiter – und das nicht nur in einer Nische. Schlager hatten immer ihr Publikum, so trivial (höflich ausgedrückt) sie auch waren. Die Einfachheit der Musik und die Einfachheit der Texte machen den Schlager aus. Diese Belanglosigkeit muss sein, bei zu großer Komplexität verliert der Schlager seine Wirkung.

Dabei hat der Schlager viele Wandlungen mitgemacht und immer den Zeitgeist bedient. Mit den leicht frivolen Texten der 1920er Jahre („Veronika, der Lenz ist da“) war 1933 Schluss. Verordnet wurden Durchhalten und gute Laune („Davon geht die Welt nicht unter“). Unter anderen Vorzeichen ging es nach Ende des Zweiten Weltkrieges ebenso weiter. „Wer soll das bezahlen?“ hieß es dann, „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, „Der Theodor im Fußballtor“ und „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“. Und dann kam Freddy, mit ihm ging es hinaus auf See. „Die Gitarre und das Meer“, „Junge, komm bald wieder“, „Unter fremden Sternen“: Seine Hochsee-Schlager beherrschten über Monate die Hitparaden. In seinem Gefolge sang dann Lolita aus der für ihr maritimes Bewusstsein bekannten Nachbar-Nation Österreich über den Seemann, der das Träumen lassen sollte.

Der Blick in die Fremde war in Zeiten des Wirtschaftswunders auch sehr beliebt. „Zwei kleine Italiener“, „Tipitipitipso beim Calypso“, „Ananas aus Caracas“ und wie diese Lieder alle hießen: Die Deutschen reisten wieder. Gerade die Italiensehnsucht, die ja schon Goethe über den Brenner geführt hatte, war aktuell wie nie. Und das auch 1967, als sich die Rolling Stones „2000 Lightyears from Home“ wähnten, während Peter Alexander „Moderne Romanzen“ besang.

Aber dann entwickelten sich mehrere Bahnen, auf denen es mit dem Schlager voranging. An das französische Chanson angelehnte Lieder wie „Merci, Chérie“ von Udo Jürgens oder „Theater“ von Katja Ebstein wurden große Erfolge. Daneben auch vollständig sinnfreie Darbietungen wie die der Jacob Sisters, die sich von einer gewissen Adelheid einen Gartenzwerg wünschten oder sich darüber beschwerten, dass ihnen auf dem Wege nach Aschaffenburg die Affen abhanden gekommen waren. Gus Backus' Lied von der Hobelbank gehört auch in diese Kategorie.

Atemlos zum Schlagermove

In den 60er Jahren begann aber auch eine Entwicklung, mit der seitdem Milliarden D-Mark und Euro gemacht worden sind. Heino machte Volkslieder in Schlager-Arrangements populär, noch heute ist die „volkstümliche“ Musik einer der stärksten Umsatzträger der Branche. Amigos, Kastelruther Spatzen, Stefan Mross oder Florian Silbereisen: In diesem Schlager-Teilbereich haben Künstler wie sie ihre garantiert kunstfreie Nische gefunden.

Aber es gibt ihn immer noch, den wahren deutschen Schlager. Er hat auch die Neue Deutsche Welle der 1980er Jahre überlebt, die Retro-Bewegung um Guildo Horn und alle Versuche, ihn totzuschweigen.

Helene Fischer und Andrea Berg halten die Fahne hoch, bei ihnen reimt sich noch Herz auf Schmerz und Freud' auf Leid. Und wer „Atemlos durch die Nacht“ nur hackevoll ertragen kann, der hat nicht begriffen, dass der Schlager sich nicht in einem Parallel-Universum befindet. Er ist mitten unter uns. Zum Beispiel am 16. Juli beim Schlagermove in Hamburg. „Hossa!“

NDR Plus – Schlagerradio geht an den Start

Der Norddeutsche Rundfunk bietet ab kommendem Dienstag (5. Juli, 6 Uhr) ein neues Radioprogramm, das vor allem Schlager im Programm hat. NDR Plus ist im Digitalradio (DAB+) und als Livestream im Internet zu empfangen. Deutschsprachige Titel sollen den Hauptanteil bilden, verspricht der NDR, aber auch „ internationale Schlager, Evergreens und instrumentale Musik“ sollen zu hören sein. Aus der zentralen Hörfunk- Nachrichtenredaktion kommen zu jeder vollen Stunde Nachrichten, Wetter und Verkehrsinfos.

Jürgen Feldhoff

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