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Kultur im Norden Schönbergs unterschiedliche Welten
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18:10 22.06.2017
Lübeck

Ein reines Arnold-Schönberg-Programm und ein volles Haus – schon das ist bemerkenswert. Vielleicht waren etliche Besucher zum neunten Saison-Kammerkonzert des Philharmonische Orchesters Lübeck gekommen, um die Kulturwerft Gollan am Stadtgraben kennenzulernen und zu testen. Wie würde klassische Musik in kleiner Besetzung in der Industriehalle, den ältesten Industriebauten Schleswig-Holsteins, klingen? Um die Frage vorweg zu beantworten: durchaus akzeptabel! In den vorderen Reihen sehr gut, hinten bei Fortissimo-Stellen etwas hallig.

Zwei sehr unterschiedliche Kompositionen des Österreichers Arnold Schönberg 1874-1951) waren kombiniert, beide durch lyrische Texte angeregt. Die „Verklärte Nacht“ von 1899, in der ursprünglichen Fassung für Streichsextett dargeboten, gehört zu Schönbergs spätromantischer Phase. In der hochsensiblen Ausdeutung mit Evgeny Makhtin und Franziska Ribbentrop (Violinen), Vera Dörmann und Christian Jonkisch (Bratschen), Fabian und Natalia Schultheis (Celli) wurden feinste Klanggebilde ebenso überzeugend umgesetzt wie dramatische Ausbrüche, gedämpfte Stimmungen ebenso wie freundlich beschwingte Passagen.

Schönberg hatte ein Gedicht von Richard Dehmel vor Augen („Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; / der Mond läuft mit, sie schaun hinein“), das in der GollanWerft an der Vorderwand eingeblendet war, neben einem Bild mit fahlem Mondlicht. Denn der Mond beziehungsweise der Titel des Abends, „Mondsüchtig“, verband die Teile des Konzertes.

Nach der Pause „Pierrot lunaire“ (1912), basierend auf Gedichten von Albert Giraud. Ein Auftragswerk der vor 100 Jahren gefeierten Rezitatorin Albertine Zehme. Die Mitglieder des Lübecker Theaters boten nicht nur Ausschnitte, sondern den gesamten Zyklus der 21 Melodramen, die Schönberg aus 50 Texten des belgischen Autors auswählte. Wioletta Hebrowska, bekannt als hervorragende Opernsängerin, schlüpfte in die Rolle der Diseuse, wie man das damals nannte. Gefordert ist eine Sprechstimme, die natürlich auch immer wieder in kurze sangliche Passagen verfällt, und das nutzte Frau Hebrowska weidlich aus.

So wurde es musikalischer als bei der Besetzung mit einer Schauspielerin. Die Stimme war während der 45 Minuten dauernden Aufführung extrem gefordert, wurde in höchste Höhen getrieben, war schreiend, flüsternd, expressiv, fahl, in leichtem Parlando oder wilden Ausbrüchen zu erleben. Die Streicher wurden ergänzt durch Waldo Ceunen (Flöten), Klaus Reichwein (Klarinetten) und Bertan Balli (Klavier).

Panagiotis Papadopoulos als musikalischer Leiter achtete genau auf die Details, denn Schönberg setzt nicht das volle Ensemble ein, sondern immer nur Segmente, so dass ständig neue Klangbilder entstehen. Das müsste man natürlich mehrere Male hören, um die Einzelheiten auskosten zu können. Die Freunde der Kammermusik spendeten begeisterten Beifall.

Konrad Dittrich

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