Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Schreiben, bis der Schmerz nicht mehr zu ertragen war

Berlin Schreiben, bis der Schmerz nicht mehr zu ertragen war

„Lebenslang für die Wahrheit“: Türkischer Ex-Chefredakteur und Erdogan-Kritiker hat ein Buch über seine Haftzeit geschrieben.

Voriger Artikel
Der vervielfachte Oskar
Nächster Artikel
Lübeck wird zur großen Bühne

Ex-Chefredakteur Can Dündar (55).

Berlin. . Noch vor einem Jahr kannte fast niemand in Deutschland den Namen  Can Dündar. Das hat sich spürbar geändert. Grund dafür ist die Hartnäckigkeit, mit der der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ihn verfolgen lässt und der Mut Dündars, mit dem er dem widersteht. Dündar (55), Ex-Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“, wurde im November 2015 verhaftet. Wegen „Spionage und Verrats von Staatsgeheimnissen“ kam er ins Gefängnis, nachdem  seine Zeitung über eine Waffenlieferung des türkischen Geheimdiensts nach Syrien berichtete.

Drei Monate lang war er in Silivri hinter Gittern, isoliert von den tausenden anderen Häftlingen. Dann entschied das Verfassungsgericht, dass er zunächst freizulassen sei. Das Ergebnis der Haft ist ein Buch mit dem doppeldeutigen Titel „Lebenslang für die Wahrheit“, das  gerade auch auf Deutsch bei Hoffmann & Campe erschienen ist. Dündar wollte ausdrücklich kein Gefängnistagebuch vorlegen, es geht ihm nicht um das Alltagsleben hinter Gittern. Sein Motto: Selbstfreflexion ja, Selbstmitleid nein. 

„Lebenslang für die Wahrheit“ ist nicht sein  erstes Buch, aber das erste, das der promovierte Politikwissenschaftler mit der Hand schreiben musste, oft, bis der Schmerz nicht mehr zu ertragen war. Drei Kugelschreiber und mehrere  linierte Hefte hat er dafür gebraucht. Sein Buch erzählt von der Solidarität, die er  erlebt hat, von Unterschriftensammlungen, die  seine Freilassung forderten, Protestaktionen wie der „Wache der Hoffnung“, bei der nicht nur Freunde und Bekannte Dündars vor dem Gefängnis Posten bezogen oder von der Berichterstattung in den Medien weltweit über seine Haft. „Lebenslang für die Wahrheit“ ist ein überraschend positives Buch, dafür, dass es im Gefängnis entstand.

Seit Dündar seine Aufzeichnungen beendet hat, ist viel passiert: Im Mai ist er zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt worden. Am Tag der Urteilsverkündung hat ein hasserfüllter Nationalist versucht, auf ihn zu schießen.

„Lebenslang für die Wahrheit“ von Can Dündar. Hoffmann & Campe, 304 Seiten, 22 Euro.

Andreas Heimann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden