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„Schreiben ist wie Atmen“

„Schreiben ist wie Atmen“

Brigitte Kronauer erhält den Thomas- Mann-Preis. Ein Gespräch über Literatur, Psychologie und Gegensinn.

Sie bekommen den Thomas-MannPreis, aber einer ihrer literarischen Ahnherren war er offenbar nicht. In „Favoriten“, Ihrem Buch über Autoren, die Sie besonders schätzen, taucht er jedenfalls nicht auf.

 

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Den Thomas-Mann-Preis für ihr Lebenswerk: Brigitte Kronauer.

Quelle: Foto: Markus Scholz/dpa

Brigitte Kronauer: Obwohl ich immer sehr bewundert habe, wie man mit 25 Jahren in den „Buddenbrooks“ ein solches Panorama des Großbürgertums entwerfen kann. Hinzu kommt, dass er schon seinen Stil entwickelt hatte, diese ironische Distanzierung. Und vor allem hatte er mit dem Kontrast zwischen Künstler und Bürgertum schon sein Thema gefunden, das sich durch sein ganzes Werk hindurchzieht.

Dieser Kontrast hat sich mir persönlich nicht so aufgedrängt. Ich habe mich immer als Schriftstellerin gefühlt und über die Beziehung zum Bürgertum nicht sehr nachgedacht.

Was haben Ihre „Favoriten“-Autoren gemeinsam?

Robert Walser und Joseph Conrad sind schon sehr unterschiedlich. Aber bei ihnen und all den anderen habe ich das Gefühl, dass sie aus ihrem Innersten heraus der Welt begegnen und das mit erzählerischen und sprachlichen Mitteln auszudrücken versuchen. Während ich bei Thomas Mann denke, dass er die Sachen mehr schildert. Es ist distanzierter und wohl auch stärker der Konvention verpflichtet. Und die Konvention war für mich als junger Mensch zunächst ein Feind.

Günter Grass hat in Lübeck ein Literaturtreffen etabliert. Ist ein solcher Austausch für Sie interessant?

Ich bin damals gebeten worden, da mitzumachen. Aber ich habe es nicht getan. Solche Treffen sind nicht das Richtige für mich. Ich bin doch vom Naturell her eher ein Einzelgänger.

Woher holen Sie ihre Anregungen?

Aus der Normalwelt. Ich habe ja durchaus Kontakt zu Menschen. Mich interessieren dabei aber immer mehr die sogenannten kleinen Leute, auch meinetwegen ein Studienrat oder ein Seerechtsprofessor.

Das Wesentliche an Menschen entdecke ich besonders dort. Und es reizt mich mehr, es in ihnen festzustellen als in Leuten, die es als Titel vor sich her tragen.

In Ihrem jüngsten Buch „Der Scheik von Aachen“ scheinen sich alle Personen gegenseitig zu belauern. Ist das Ihre Wahrnehmung von der Welt da draußen?

Ja, das ist bei Frauen vielleicht stärker ausgeprägt, wobei belauern zu feindselig klingt. Aber ich habe mich nie als Autorin empfunden, die sich ganz besonders für Psychologie interessiert. Die großartige Virgina Woolfe hat mal gesagt: Jetzt, wo wir die Psychologie erfunden haben, schreiben sich die Romane von selbst. Das halte ich für absoluten Kappes. Dann wäre die Literatur tatsächlich etwas Überflüssiges. Im Gegenteil, die Literatur lässt sich nicht in ein Raster von Interpretationsschemata einfügen. Mich interessiert nicht das Psychologische, sondern wie differenziert die Wirklichkeit ist, dieses Netz, in dem wir uns empfinden. Ob man einen eher schlichten Menschen nimmt oder einen sich sehr elaboriert ausdrückenden Intellektuellen – sie sind in der Regel viel komplizierter als psychologische Aufteilungen vorspiegeln. Es ist eine wesentliche Aufgabe der Literatur, gerade auch der Gegenwartsliteratur, das zu vergegenwärtigen.

Sie sind ungemein produktiv, wenn man sich die Liste Ihrer Veröffentlichungen anschaut.

Schreiben ist einfach ein ganz wichtiger Teil meines Lebens. Es gehört wie Atmen oder Essen dazu. Ich kann mir momentan nicht wie früher einen Kaffee kochen und dann mit einem Päckchen Zigaretten ein paar Stunden durchpowern, aber das ist nicht schlimm. Schlimm wäre, ganz aufs Schreiben zu verzichten.

Arbeiten Sie an einem neuen Buch?

Ja, mit großer Freude. Ich habe überhaupt keine Ahnung, ob es gut wird oder schlecht. Es hat wohl Teile eines Romans und Teile einer Erzählung, vielleicht sogar Teile eines Tagebuchs. Zu Anfang wusste ich immer ganz genau, wo und wie ein Buch endet, und habe das auch immer geplant. Inzwischen bin ich sehr viel freier geworden, Gott sei Dank. Konstruktion ist zwar immer noch wichtig, aber ich gestatte mir, davon abzuweichen, wenn die Gründe zwingend sind.

Haben Sie einen strikten Arbeitsrhythmus, etwa wie Thomas Mann?

So etwas kann sich ein Mann eher leisten als eine Frau. Ich wohne hier mit meinem Mann und einem befreundeten Maler zusammen, da gibt es einen ganz normalen Haushalt, der bewältigt werden will.

Und das ist gut so. Ein Schriftsteller zu sein, dessen Familie den Atem anhält, wenn er dichtet – da würde ich mir wie im luftleeren Raum vorkommen. Leben und Literatur müssen sich verzahnen.

Die „Zeit“ hat Sie mal als „Großmeisterin der Boshaftigkeit" beschrieben. Zu Recht?

Ich habe eine boshafte Mutter gehabt, überhaupt war die ganze Familie ziemlich ironisch. Das hat mich trainiert, das fand ich gut. Ein Sinn für Neben- oder Gegensinn, der ist früh geschult worden bei mir. Und er macht auch das Leben würzig. Es ist mir jedenfalls lieber, man nennt mich Meisterin der Boshaftigkeit als Meisterin der Harmonie.

Interview: Peter Intelmann

„Meisterin der höheren Heiterkeit“

Brigitte Kronauer (76) ist eine der renommiertesten deutschen Schriftstellerinnen. Die gebürtige Essenerin war einige Jahre Lehrerin, bevor sie ab 1974 als freie Autorin arbeitete. Zu ihren bekanntesten Romanen zählt „Teufelsbrück“ aus dem Jahr 2000. Neben zahlreichen Ehrungen erhielt sie 2005 den Georg-Büchner-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum.

Gelobt wurde sie dort als „Meisterin des Vexierspiels, der höheren Heiterkeit und des musikalischen Schreibens“. Brigitte Kronauer lebt in Hamburg.

Der Thomas-Mann-Preis wird seit 2010 gemeinsam von der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben. Er ist hervorgegangen aus dem „Thomas Mann Preis der Hansestadt Lübeck“ und dem „Großen Literaturpreis“ der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und ist mit 25000 Euro dotiert. In diesem Jahr wird er am 18. Oktober in München verliehen.

„Der Scheik von Aachen“ ist Brigitte Kronauers jüngstes Buch. Der Roman ist im Herbst vergangenen Jahres bei KlettCotta erschienen, hat 400 Seiten und kostet 22,95 Euro.

LN

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