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Schriftbilder einer Ausstellung

Lübeck Schriftbilder einer Ausstellung

Das St. Annen- Museumsquartier zeigt Arbeiten von Alice Teichert und kostbare Dokumente aus Lübecker Besitz.

Bild und Text: Bei Arbeiten wie dieser hat Alice Teichert sich an der Buchkunst orientiert und den linken Teil des Bildes mit Farbschichten belegt, den rechten mit angedeuteter Schrift und Zeichen.

Lübeck. Sie haben einen langen Weg hinter sich, einmal über den Atlantik und dann noch ein bisschen weiter. Aber jetzt stehen sie hier, sieben große Holzkisten, und sie bergen in sich, was ab Mitte Juni im Museumsquartier St. Annen zu sehen sein wird: 65 Arbeiten der in Kanada lebenden Künstlerin Alice Teichert, ihre erste große Retrospektive in Europa.

Grafische Partitur

Am 18. Juni wird die Ausstellung „Zwischen den Zeilen“ eröffnet. Sie läuft bis Mitte Oktober. Zum Programm gehören Führungen, ein Workshop und am 8. Juli ein Konzert mit Dozenten und Studenten der Musikhochschule, die „grafische Partituren“ interpretieren. Tags zuvor gibt es einen „Gallery Talk“ mit der Künstlerin.

„Zwischen den Zeilen“ heißt die Ausstellung und umfasst Grafiken, Gemälde, Papierobjekte, eine Installation. Dazu werden 19 alte Handschriften aus dem Archiv und der Bibliothek der Stadt Lübeck gezeigt, teils zum ersten Mal überhaupt. Und hilfreich bei dem Projekt war der gute Kontakt, den Museumsleiterin Dagmar Täube zu der Künstlerin hat.

Sie kennt Alice Teichert und ihre Arbeit schon aus ihrer Zeit bei der Draiflessen Collection im westfälischen Mettingen, im vergangenen Jahr hat sie sie dreieinhalb Wochen in Kanada am Ontario-See besucht. Zur Ausstellung wird neben einem Begleitheft auch eine Monografie Dagmar Täubes über die Künstlerin erscheinen: „In) Formation“ im Hirmer-Verlag.

Alice Teichert ist 1959 in Paris geboren. Ihr Vater stammt aus Deutschland, ihre Mutter aus den Niederlanden, groß geworden ist sie in Brüssel. Sie ist also vielsprachig in die Welt aufgebrochen, erweitert noch durch die Sprache der Musik, ihre früh verstorbene Mutter war Pianistin. Nach ihrem Studium in Frankreich ist sie 1984 nach Kanada gezogen.

In ihrer Ausbildung hat sie sich neben Philosophie und bildender Kunst auch mit Drucktechnik befasst, mit alten Handschriften, mit Zeichen. Sie tauchen denn auch in ihren Bildern auf. Sie entwickelte gar ein an die Buchkunst angelehntes Format, bei dem sie auf der einen Seite rein farblich arbeitet und auf der anderen Schriften und Zeichen auftauchen lässt. Allerdings geht es ihr nicht um den Inhalt des meist nur angedeuteten Wortes, sondern um das, was zwischen den Zeilen steht. Um das, was die Bilder mit einem machen. Man solle ihre Lautmalerei nicht entziffern, sondern „intuitiv verstehen“, gibt sie dem Betrachter als Richtschnur an die Hand.

Bücher und Schriften finden sich im St.-Annen-Museum auch auf den mittelalterlichen Altären, die aufgeschlagene Bibel zumeist. Bücher seien hier als Ausweis der Gelehrsamkeit zu sehen, sagt Dagmar Täube. Sie machten den Dargestellten aber zugleich zu einem Vorbild, zu einem erstrebenswerten Charakter. Zur Ausstellung gehören denn auch acht Fotoarbeiten Alice Teicherts, in denen sie sich direkt mit den St.-Annen-Altären auseinandersetzt.

Ihre Bilder entwickeln zudem eine seltsame Leuchtkraft. Ein Schimmern, das von innen kommt, aus der Farbe heraus wie bei den meditativen Arbeiten Mark Rothkos, dessen Arbeit sie sehr schätzt. Und wie bei der Beschäftigung mit Schrift und Zeichen geht es auch hier um die Frage, was sich unter der Oberfläche verbirgt.

Neben den Arbeiten Alice Teicherts werden in der Ausstellung 19 kostbare Handschriften aus städtischem Besitz zu sehen sein. Und der birgt eine „europaweit bedeutende Urkunden- und Aktenüberlieferung seit dem 12. Jahrhundert“, schreibt Stadtarchivar Jan Lokers im Begleitheft. So wird man den Sachsenspiegel finden, Amtsbriefe und Stundenbuch, auch Ratslinien, in denen die Namen und Wappen von Bürgermeistern und Senatoren verzeichnet sind. „Das Mittelalter war nicht eindimensional und düster, das lässt sich in den Handschriften besonders gut spiegeln“, sagt Dagmar Täube.“

Die sensiblen Dokumente aus Archiv und Bibliothek werden in den nächsten Tagen ins Museum kommen und in eigens angeschafften Klimavitrinen zu betrachten sein. Sie vertragen eine Lichtstärke von maximal 50 Lux, weshalb die Beleuchtung reduziert und extra eine Wand eingezogen wurde.

Die Bilder aus Kanada waren schon am 6. Mai auf die Reise gegangen. Nach der Landung auf dem Flughafen in Frankfurt Ende Mai und zahlreichen Telefonaten sind sie am Donnerstag per Spezialtransport nach Lübeck gebracht worden. Gestern wurden die Kisten geöffnet und die sich zwischen kleiner Form und großem Format bewegenden Werke nach fertigen Hängeplänen an ihren Platz gestellt. Alice Teichert wird am kommenden Montag in Lübeck erwartet und unter anderem beim Aufbau der Installation dabei sein.

Peter Intelmann

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