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Schriftsteller im Staatsdienst

Berlin Schriftsteller im Staatsdienst

Hermann Kant ist tot. Der Autor starb im Alter von 90 Jahren. Kant galt als linientreuer Honecker-Freund und Propagandist der politischen Linie der DDR.

Berlin. Zu DDR-Zeiten gehörte Hermann Kant zu denen, die das Ohr der Macht besaßen. Nach dem Fall der Mauer wurde der einst viel gelesene und hoch dekorierte Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes zur öffentlichen Unperson, von der sich alle Welt zu distanzieren suchte. Er hatte sich von der Staatsmacht instrumentalisieren lassen, Kollegen denunziert oder dafür gesorgt, dass sie nicht mehr publizieren konnten. Er hatte die Hinausgeworfenen mit Schmäh überzogen und sich immer wieder zum Büttel der Obrigkeit gemacht. „Von dem Moment an, wo sich jemand nach Westen absetzt, habe ich eine ganz andere Haltung zu ihm“, sagte er.

 

LN-Bild

Hermann Kant starb in einem Krankenhaus in Neustrelitz an den Folgen eines Sturzes.

Quelle: imago

Hermann Kant, seit 1969 Vizepräsident, seit 1978 Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR, kam nach der Wende seinem Ausschluss zuvor, indem er von sich aus abtrat. Seine Versuche der Selbstrechtfertigung wollte niemand mehr zur Kenntnis nehmen. Bei alledem war er in diesen Jahrzehnten einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, dessen Bücher in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Als 1965 sein Roman „Die Aula“ erschien, war die erste Auflage im Nu vergriffen. „Ein Schriftsteller nicht ohne Talent und mit viel Routine, ein wendiger und witziger, wenn auch meist vordergründiger Erzähler, einer, der sich mit forscher Miene sehr unabhängig gibt und der doch nur die SED- Propaganda ausschmückt.“ So urteilte damals Marcel Reich-Ranicki.

Mit Kants zweitem Roman „Das Impressum“ (1972) verhielt es sich nicht viel anders. Es geht um einen Ostberliner Chefredakteur, der Minister werden soll, dies aber nicht will. Kant nennt hierfür keinen Grund, sondern erzählt auf schlichte Weise DDR-Geschichte, dabei immer wieder die sozialistische Parteilichkeit mit billiger Demagogie verwechselnd. Literaturhistoriker Hans Mayer sprach von einem „ermüdenden und enervierenden“ Buch: „Wenn die Russen bei Kant als ,die Freunde‘ auftreten, die Geheimpolizisten als ,Untersuchungsorgane‘, die Mitglieder des Politbüros als ,Oberste Abteilung‘, so ist das nicht Verfremdung, sondern Technik der Sklavensprache.“

Auch der dritte Roman Kants – „Der Aufenthalt“ – wurde von der westdeutschen Kritik bei seinem Erscheinen 1977 zwiespältig aufgenommen. Bemängelt wurde die Konstruktion des Romans, der vom Schicksal des Druckers Mark Niebuhr erzählt, der als 18-Jähriger während des Krieges an die Ostfront geschickt wird, in Gefangenschaft gerät und in polnischer Haft eine geistige Zellensituation durchlebt – als einen Bildungsgang von Schuld und Sühne. Der Autor reklamierte später für sich eine antifaschistische „Neigung und auch ein gewisses Stück Pflichtbewusstsein“, das ihn zum Schreiben dieses Romans veranlasst habe. Doch hat Kant auch hier die Wahrheit für sich zurechtgebogen. Der junge Soldat, der in polnischer Haft zum Antifaschisten geläutert wird, hat nur eine einzige Möglichkeit: den Weg hin zum staatlichen Sozialismus.

Bemerkenswert war die Tatsache, dass Hermann Kant mit diesem Buch zu seinen Ursprüngen, zu seiner eigenen Geschichte zurückgekehrt war. Der gebürtige Hamburger hatte den Beruf des Elektrikers erlernt. Im Krieg wurde er schwer verwundet. Nach der polnischen Gefangenschaft studierte er in Greifswald und Berlin. In seinen Erzählungen, auch in den Romanen, erkennt man noch das Schuldbewusstsein, das der Kriegsteilnehmer mit aus der Gefangenschaft brachte. Im Zweifelsfall bei der Wahl zwischen Prinzipien und Privilegien entschied sich Kant dann aber später immer für den Staatsapparat, der ihn entsprechend belohnte. „Das war sein Problem. Jetzt hat er andere Probleme“, schrieb Heiner Müller nach der Wende.

Kant war bis zum bitteren Ende der DDR einer der letzten Getreuen von Erich Honecker. In seinen Memoiren „Abspann – Erinnerung an meine Gegenwart“ von 1991 verteidigte er sich: „Ich übte Disziplin, weil ich weder Anarchie noch Gelddiktat wollte, und womit habe ich es nunmehr zu tun?“

Linientreuer Spitzel

Hermann Kant wurde 1926 in Hamburg in ärmlichen Verhältnissen geboren. Wegen der drohenden Bombenangriffe auf Hamburg zog die Familie 1940 nach Parchim. Nach der Volksschule begann Kant eine Elektrikerlehre in Parchim, die er 1944 beendete. Im selben Jahr wurde er als Soldat eingezogen und geriet in polnische Kriegsgefangenschaft. 1952 holte Kant das Abitur an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald nach. Von 1952 bis 1956 studierte er Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Kants erstes Buch war der 1962 erschienene Erzählband „Ein bißchen Südsee“. Zwischen 1974 und 1979 war er Mitglied der SED-Bezirksleitung Berlin, von 1981 bis 1990 SED-Abgeordneter der Volkskammer der DDR, 1986 bis 1989 Mitglied des ZK der SED. Bereits ab 1961 bespitzelte er den Schriftsteller Günter Grass. Seit 1990 gehörte er der PDS und ihren Nachfolgeorganisationen an.

Wolf Scheller

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