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Schussfahrt in die Katastrophe

Lübeck Schussfahrt in die Katastrophe

In dem Theaterstück „Out!“ geht es um Mobbing unter Jugendlichen im Internet — Jetzt fand in der Lübecker Thomas-Mann-Schule die 100. Aufführung statt.

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„Lernt sie kennen. Redet mit ihr“: Philipp Romann ist der große Bruder der Hauptfigur Vicky. Und er will Antworten.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Lübeck. Vicky ist nicht einfach, das lässt sich sagen. Sie hat einen eigenen Kopf, sie hat einen eigenen Begriff vom Leben. Aber sie hat keinen Begriff von den Abgründen, in die man mit einem eigenen Kopf und einem eigenen Leben geraten kann.

Vicky ist die zentrale Figur von „Out!“, einem Stück von Knut Winkmann, Regisseur und Leiter der Theater-Pädagogik am Theater Lübeck. Vor drei Jahren hatte es dort Premiere. Jetzt fand in der Thomas-Mann-Schule die hundertste Vorstellung statt. Dort, an einer Schule, spielt es auch. Und man muss zur Kenntnis nehmen, dass es so oder so ähnlich jeden Tag irgendwo an einer Schule aufgeführt wird, nur mit echten Personen.

Es geht um Mobbing in „Out!“, um Cybermobbing, also das Fertigmachen mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Die sind subtiler und die Folgen flächendeckender, im Zweifel weltweit. Es geht um Smartphones und Computer, auf denen das banale Böse sich seinen Weg sucht. Vicky gerät hinein in dieses Räderwerk. Sie wechselt die Schule, und es dauert nicht lange, da kursieren Partybilder von ihr im Internet. Es kommen Geschichten von einer Klassenfahrt nach England hinzu, es eskaliert. Da baut sich etwas auf, das sie längst nicht mehr kontrollieren kann und das in einer Vergewaltigung endet, gefilmt von ihrem Ex-Freund. Es geht vielleicht nicht planvoll, aber doch geradewegs in die Katastrophe.

Vicky taucht nicht auf in diesem Stück. Sie findet nur in der Erzählung ihres älteren Bruders statt. Er setzt sich vor die Klasse und fragt, wie alles so weit kommen konnte. Philipp Romann spielt diesen Bruder, und er macht das mit einer großen Eindringlichkeit.

Es gibt nur ihn und seine Rede, aus der sich langsam ein Bild seiner Schwester formt und der Schussfahrt, auf der sie sich befindet. Am Ende steht er auf und sagt: „Vicky kommt nächste Woche in eine von euren Klassen. Sie ist, wie sie ist. Ich habe eigentlich nur einen Wunsch: Lernt sie kennen. Redet mit ihr. Face to face.“ Und dann geht er.

An diesem Tag waren drei Dutzend Schülerinnen und Schüler das Publikum. Sie kommen aus der Jahrgangsstufe Q1, was früher die elfte Klasse war. Ihre Lehrerin Carla Heilmann unterrichtet an der Schule unter anderem Darstellendes Spiel und hatte Winkmann und Romann eingeladen. Und die Schüler waren beeindruckt.

„Schon ziemlich krass“ sei das, sagten sie in der anschließenden Diskussion. Das Stück sei „modern“, „zeitgemäß“, „ziemlich aktuell“. Und es erinnerte sie an „Homevideo“, den Film mit dem Lübecker Schauspieler Jonas Nay, der auch in einen Strudel aus kalter Hetze und böser Absicht gerät. „Man ist ja anonym im Internet“, sagte ein Schüler. „Man kann da schreiben, was man will.“ Das ist die Lage, und das ist das Problem. Und eine junge Frau erzählte von einem Fall, bei dem der Gemobbte zur Polizei ging: „Genau so sollte man es machen.“

Eine einzige Schülerin hatte kein Smartphone. Alle anderen besitzen eines und sind angeschlossen an die Kreisläufe, die immer seltener auf den Namen Facebook hören, aber immer öfter auf Whatsapp, Instagram oder Twitter. Das sind die Foren, in denen Cybermobbing vor allem stattfindet. Das sind die Arenen, in denen die Opfer vorgeführt werden. Und es sind viele.

Fast jeder fünfte Jugendliche in Deutschland sei schon mal im Internet gemobbt worden, hat eine Studie von Vodafone und YouGov im vergangenen Jahr ergeben. Und jeder Zweite hatte danach ein schlechteres Bild von sich selbst. Eine ältere Untersuchung der Universitäten Münster und Hohenheim ging in Süddeutschland gar von jedem dritten Schüler mit Cybermobbing-Erfahrung aus.

Winkmann und Romann können das im Kern bestätigen. Sie spielen das Stück seit drei Jahren, meist in Schulen, und in fast jeder Klasse begegne ihnen ein Mobbingopfer, sagen sie. Und vermutlich auch Täter, denn laut den Studien sind die Grenzen hier fließend. Manchmal merken sie auch, dass in einer Klasse etwas nicht stimmt. Oder sie bekamen zu hören, die Eskalation im Stück sei doch gar nicht so schlimm, eher normal. Und einmal passte ein Schüler schon jetzt auf, dass von ihm nichts Verfängliches im Internet auftaucht. Er wollte keinen Ärger haben später bei der Jobsuche. Er kam aus der siebten Klasse.

Seit drei Jahren auf Tour
Knut Winkmann (41, Foto) hat „Out!“ geschrieben, inszeniert und mit Philipp Romann (41) auf die Bühne gebracht. Premiere hatte das 50 Minuten lange Ein-Personen-Stück im Februar 2013 im Theater Lübeck, wo Winkmann als Theaterpädagoge und Regisseur arbeitet und Romann ein festes Engagement hatte. Jetzt arbeitet er frei und lebt in Berlin.



Mit dem Stück touren sie seit drei Jahren durch Schleswig-Holstein und den Großraum Hamburg. Sie spielen es meist in Schulen, oft direkt im Klassenzimmer, hinterher wird darüber gesprochen. Im Laufe der Zeit haben sie den Stoff immer wieder leicht verändert. In der ersten Fassung gab es auch noch einen tödlichen Ausgang, aber das haben sie sich dann anders überlegt.



Sie hätten nicht gedacht, dass sie „Out!“ so lange spielen, sagen die beiden Macher. Das Stück wurde auch von vielen anderen Theatern in den Spielplan übernommen, etwa in Kiel und Dortmund. Und man kann es nach wie vor buchen, genauso wie „Fighter“, eine andere Co-Produktion von Winkmann und Romann über einen schwulen Boxer.

Kontakt: 0451/7088115

Peter Intelmann

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