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Schwanger mal siebzehn

Schwanger mal siebzehn

Deutschlandpremiere im Jungen Studio des Theaters Lübeck: Mit dem Spielclub 3 bringt Vincenz Türpe „Siebzehn mal Leben“ auf die Bühne.

Lübeck. „Mit 17 bist du nicht vernünftig, du träumst.“ Und Rula, noch keine 17, aber schon schwanger, träumt. Träumt sich raus aus dem Supergau einer Teenagerschwangerschaft, hinein in eine rosarot aufscheinende Zukunft mit Baby: „Ich hab dann zwei Leben. 200 Prozent Leben. Und dann hab ich jemanden, der mich mein Leben lang liebt. Einfach so.“

Bedingungslose Liebe, einfach so. Als Rula ihren Freundinnen erzählt, dass sie schwanger ist und das Kind behalten wird, wirken ihre Zukunftsträume wie ein Zündfunke; die Mädchenclique beschließt, dass sie alle zeitgleich schwanger und gemeinsam Mütter werden wollen — bessere und liebevollere als die eigenen natürlich.

„17 mal Leben“ heißt das Stück, das Vincenz Türpe, Ensemblemitglied des Lübecker Theaters, im Jungen Studio mit neun jugendlichen Amateuren am Sonntag in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht hat — und es beginnt mit einem Fehlstart. Im Premierenfieber stürmen die sechs Darstellerinnen um Rula (Anne Gerke) auf die Bühne, noch bevor die Tür zum Studio sich geschlossen hat und Licht- und Tontechnik startklar sind. Was man ihnen gerne nachsieht, denn im zweiten Anlauf stürzen sich die sechs jungen Frauen und drei jungen Männer mit unverminderter Spielfreude ins Stück. Das aus einer Schnapsidee entsprungen scheint.

Was zunächst wie ein völlig überzogener Plot erscheint, beruht allerdings auf einem realen Geschehen: 2008 wurden 17 Schülerinnen der Gloucester High School im amerikanischen US-Staat Massachusetts gleichzeitig schwanger. Das Ereignis machte als „Pregnancy-Pact“ weltweit Schlagzeilen. Die Theater-Fassung von Katharina Bigus fußt auf dem nach dieser Begebenheit gedrehten französischen Spielfilm „17 Mädchen“.

Schlaglichtartig leuchtet das Stück in kurzen Szenen aus, was die Mädchen antreibt, ihre Idee einer kollektiven Schwangerschaft nicht nur auszuhecken, sondern auch durchzuziehen.

Mit einem Masterplan für eine möglichst zeitnahe Zeugung: eine Party mit den ahnungslosen potenziellen Erzeugern. Mit Finanzcheck für die gemeinsame Zukunft: mit doppelt Kindergeld und Unterhaltsvorschuss etwa 1000 Euro monatlich für jede von ihnen; davon ließen sich locker ein großes Haus und der gemeinsame Lebensunterhalt bezahlen. Sie setzen dem Widerstand der Eltern und der enttäuschenden Banalität des Alltags ihren jugendlichen Überschwang und ihre Träumereien entgegen: Rula und ihre Clique wollen es anders machen, besser machen, das geht auch ohne die teils ahnungslosen jungen Väter, die noch über die Rollen rätseln, die dieser Zukunftsentwurf ihnen zuschreibt. „Ich habe einen Vater und eine Mutter“, sagt Pauline (Ronja Metz) einmal, „aber bei uns zu Hause herrscht nie ein Wir-Gefühl.“

Wie die Mädchen auf die Kraft ihrer Träume, so vertraut Regisseur Vincenz Türpe auf seine Schauspieler und überlässt ihnen die Bühne. Einige Lichtwürfel als Kulissen; einzelne Videosequenzen mit den Eltern oder beim Kauf der Schwangerschaftstests („Sind die wiederverwendbar?“) und die Spielfreude der jungen Darsteller — mehr braucht diese Premiere am Ende nicht, um die Motive der Teenager-Mütter für ihren Pakt auszuleuchten: „Rula hat uns gezeigt, wie man träumt.“

Weitere Vorstellungen : 30./31. Mai und 6. Juni, jeweils um 19 Uhr

Von Regine Ley

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