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„Seehofer und ich sind beide Populisten“

Lübeck „Seehofer und ich sind beide Populisten“

Martin Sonneborn, Kabarettist und Europaabgeordneter der „PARTEI“ , macht „Krawall und Satire“ in Lübeck.

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Entstaubt und hochglanzpoliert

„S“ wie Sonneborn: Der Satiriker will perspektivlosen Jugendlichen Tipps geben, wie man als Europaparlamentarier an ein bedingungsloses Grundeinkommen kommt.

Quelle: ZDF

Lübeck. Herr Sonneborn, Sie sitzen als Europaabgeordneter am Puls des Kontinents. Wie geht’s Europa?

Martin Sonneborn: Tut mir leid, dazu kann ich Ihnen nicht viel sagen – jedenfalls nicht viel Positives. Seit ich mich mit Europa beschäftige, geht es dem Verein stetig schlechter. Ich war eigentlich angetreten, um den Laden aufzumischen, ich will für ein starkes Kerneuropa mit 27 Satellitenstaaten kämpfen ...

Dann besteht der Kern allein aus Deutschland?

Sonneborn: Deutschland gibt den Takt vor, bestimmt Gesetze, nicht nur wenn’s um die Autoindustrie mit ihren Abgasnormen geht.

Armes Europa!

Sonneborn: Tragisch ist, dass mein Herrschaftsgebiet schrumpft. Zuerst durch den Brexit, dann sollen auch die Ungarn aus der EU rausgeschmissen werden. Ich selbst würde gern noch die Iren feuern.

Was haben Ihnen denn die armen Iren angetan?

Sonneborn: Ich habe in meiner letzten parlamentarischen Rede erklärt, dass ein Staat, der nicht gewillt ist, Steuerzahlungen der Firma Apple anzunehmen, vor die EU-Tür gesetzt gehört. Es könnte sonst der Eindruck erweckt werden, es gehe um ein Europa der Konzerne und nicht der Bürger. Die besagte Rede wurde übrigens eine Million mal mehr abgerufen als die meines Kollegen Herbert Reul von der CDU. Das erwähne ich, weil ich Reul gerne ärgere.

Bei Ihrem Start in die Politik war Ihr Hauptanliegen, die Mauer wieder aufzurichten. Dieses Projekt scheint nicht voranzukommen.

Sonneborn: Das sehen Sie völlig falsch, weil Sie in Lübeck weit entfernt sind von den Südrändern Europas. Da feiert die Maueridee wieder Auferstehung. Viktor Orbán, die Österreicher und in den USA natürlich Donald Trump – sie alle wollen Mauern bauen.

Sie wollten aber die zwischen BRD und DDR wiederhaben.

Sonneborn: Dazu braucht man parlamentarische Mehrheiten, daran arbeiten wir. Wir haben zwei Prozent in Berlin geholt, in Lübeck waren es 1,3 Prozent, das gab ein erstes Mandat in der Bürgerschaft.

Sie kommen mit Ihrem Bühnenprogramm „Krawall und Satire“ nach Lübeck. Was dürfen wir erwarten?

Sonneborn: Krawall und Satire! Sie müssen sich Horst Seehofer vorstellen, der durch die Lande fährt, in Bierzelten auftaucht und vor besoffenem Publikum große Reden schwingt. So mache ich das auch, nur nicht in Bierzelten – und ich nehme Eintritt.

Andere Inhalte als Seehofer werden Sie doch auch vermitteln...

Sonneborn: Seehofer und ich sind beide Populisten, da spielen die Inhalte keine große Rolle. Eigentlich gebe ich perspektivlosen Jugendlichen Tipps, wie man ins Europaparlament kommt und damit an einen Job mit bedingungslosem Grundeinkommen und wenig Pflichten. Und ich skizziere den Aufstieg der Partei seit 2004.Wir stellen ja nach den Kommunalwahlen in Niedersachsen noch weitere Mandatsträger – etwa 20. Bei der Bundestagswahl wird übrigens Serdar Somuncu unser Kanzlerkandidat sein.

Der Kabarettist?

Sonneborn: Ja! Nachdem ich von einem Kollegen aus der CDU erfahren habe, dass er sich für Berlin eine Koalition aus CDU/CSU und AfD wünscht, damit Deutschland keinen Linksruck erleidet, haben wir mit Somuncu einen türkischen Kanzlerkandidaten präsentiert.

Aus jedem Ihrer Sätze trieft Ironie. Sind Sie manchmal auch ernsthaft?

Sonneborn: Aaaaah – Ja!

Zum Beispiel?

Sonneborn: Wenn es um meine Vorhaben im Europaparlament geht. Erstens um das Umkrempeln, zweitens darum, Leute zu ärgern, dicke alte Männer, die die Europapolitik prägen wie Elmar Brocken

(heißt eigentlich Elmar Brok, d. Red.) – 170 Kilo konzentrierte CDU. Ich dokumentiere ernsthaft die komischen Situationen im Parlament. Mich interessieren nicht die seriösen Seiten, sondern die unseriösen. Drittens betreibe ich moderne Turbopolitik, indem ich parlamentarische Reden bei YouTube einstelle. Diese beinhalten, wenn es gut läuft, einen guten Witz, aber auch eine ernsthafte politische Einstellung.

Sie machen den Eindruck eines fleißigen Hinterbänklers. Dennoch sind Sie zum zweitfaulsten Europaabgeordneten erklärt worden.

Sonneborn: Der angeblich faulste ist ein netter Kollege der Linkspartei. Der hatte Krebs, konnte lange keine Aktivitäten außerhalb des Krankenhauses entfalten. Jetzt bin ich dabei, wieder zum faulsten zu werden. Wenn man Spitzenpositionen besetzen kann, sollte man das auch tun.

Chef einer Kleinpartei – und Spaß dabei

Martin Sonneborn (51) ist Vorsitzender und seit 2014 Europaabgeordneter der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI). Sie wurde von Redakteuren des Satiremagazins „Titanic“ gegründet, deren Chefredakteur Sonneborn von 2000 bis 2005 war.

Auftritt in Lübeck: Sonnabend, 29. Oktober, 20 Uhr, Kolosseum.

Die Spaßpolitiker der PARTEI laufen derzeit Gefahr, vom Bundestag in den Ruin getrieben zu werden. Sie sollen 72000 Euro Zuschüsse zurückzahlen, dazu drohen 390000 Euro Strafe wegen unrichtiger Angaben im Rechenschaftsbericht. Die Sonneborn-Partei klagt dagegen.

Interview: Michael Berger

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