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Seelenpein, Suff, Sex und Schlägereien

Lübeck Seelenpein, Suff, Sex und Schlägereien

„Die Katze auf dem heißen Blechdach“ am Theater Lübeck mitreißend inszeniert.

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Am Boden: Brick (Jochen Weichenthal). Oben Big Daddy (Andreas Hutzel), Big Mama (Susanne Höhne).

Lübeck. Die Partygesellschaft ist bemüht, Frohsinn zu demonstrieren: Ehefrau, Sohn Gooper, Schwiegertochter Mae, deren vier Kinder, der Hausarzt und Reverend Tooker umringen Big Daddy, den steinreichen Patriarchen. Luftballons werden in die Höhe gehalten, Konfetti fliegt, ein Enkel im Superman-Kostüm spielt auf einer aufblasbaren Gitarre. Die Familie ist zusammengekommen, um Big Daddys 60. Geburtstag zu feiern. Sie ist zusammengepfercht in einem Gebilde, das die Form eines Riesentortenstückes hat. Einander nah aber sind die Mitglieder sich nicht.

Unter der Oberfläche herrschen Heuchelei, Missgunst, Abneigung, ja sogar Hass. Was sie eint, ist Habgier. Big Daddy ist unheilbar an Krebs erkrankt. Alle wissen es außer ihm selbst: Dies wird sein letzter Geburtstag sein.

„Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams, 1955 in New York uraufgeführt und 1958 mit Paul Newman und Elizabeth Taylor verfilmt, hat nicht an Aktualität eingebüßt. Es geht um die ewige Frage danach, was im Leben zählt, um die Sehnsucht nach Sinn, der mit Geld nicht zu haben ist. „Ich möchte den Wahrheitsgehalt von Erlebnissen innerhalb einer Gruppe von Menschen darstellen, jenes flackernde, umwölkte, schwer zu fassende — aber fieberhaft mit Spannung geladene — Zusammenspiel lebendiger Wesen in der Gewitterwolke einer gemeinsamen Krise“, hat der Autor über das Stück gesagt.

Pit Holzwarth, Schauspielchef am Theater Lübeck, hat das Stück inszeniert. Die Bühne, gestaltet von Werner Brenner, ist sparsam ausgestattet: eine große runde Scheibe wie eine glühende Herdplatte, ein paar Stühle. Glühlampen an den Seitenwänden und der Decke, oben ein runder Spiegel. Hin und wieder, gefühlt ein bisschen zu oft, lässt Holzwarth seine Schauspieler ihr Spiel unterbrechen und ausführliche Regieanweisungen vortragen.

Brick, Big Daddys Erstgeborener und Liebling, ist die zentrale Figur. Einst ein erfolgreicher Sport-Journalist ist er nach dem Tod seines Freundes abgestürzt und zum Trinker geworden. Nachts im Park hat er sich einen Knöchel gebrochen, nun humpelt er mit seinem Gips umher.

Jochen Weichenthal hat sich die Rolle bis ins tiefste Innere angeeignet. Das Kaputte steht ihm zwar nicht von Natur aus ins Gesicht geschrieben. Nach Exzessen mit Whiskyflaschen und -gläsern und Prügeleien mit der Ehefrau („Soll ich dich mit der Krücke erschlagen?“) oder dem Vater aber glaubt man ihm den Wüstling. Er trinke aus Ekel, sagt Brick. Der Tod seines Freundes lastet schwer auf ihm — und ein Geheimnis, das diese Freundschaft umgibt — Bricks Homosexualität. Auch Ehefrau Margaret ist darin gefangen. Sie sei hart geworden und grausam aus Verzweiflung, sagt sie. Marlène Meyer-Duncker kämpft als Margaret um die Liebe ihres Mannes und gegen die Schatten der Vergangenheit — ein intensives und atemberaubendes Spiel. Der Stoff ist stark, das hervorragende Schauspielerteam macht ihn noch stärker: Andreas Hutzel als silberhaariger Big Daddy, der immer noch Lust auf Weiber hat, Susanne Höhne herausragend als stark überzeichnetes alterndes Luxusweib Big Mama in schwarzem Glitzerkleid und mit kupferroter Hochsteckfrisur. Wie soll eine Frau ihre Familie zusammenhalten, wenn sie nicht einmal ein Stück Torte essen kann, ohne sich das Gesicht mit Sahne zu beschmieren? Jan Byl als Gooper und Nadine Boske als Mae mit Babybauch sind Abziehbilder ihrer selbst und dazu verdammt, verlässlich nichts als Floskeln von sich zu geben („Mummy, du musst jetzt ein ganz tapferes Mädchen sein“).

Der Premierenapplaus war mehr als üppig: Ein Stück voller Kraft und Wortwitz, eine mitreißende Inszenierung, ein Schauspielerteam, vor dem man den Hut ziehen möchte — man muss keine prophetischen Fähigkeiten besitzen, um dieser „Katze auf dem heißen Blechdach“ Erfolg vorauszusagen.

Nächste Vorstellungen: heute, 7. und 12. Februar, Kammerspiele.

Ich würde nicht sagen, dass der Tod mein Haupt-
thema ist.

Die Einsamkeit ist es.“ Tennessee Williams

Liliane Jolitz

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