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Sehnsucht nach Klarheit

Kiel Sehnsucht nach Klarheit

Kiel. Kräftiger Applaus und wenige Buhrufe für „Luther“, das neue Stück von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, das Annette Pullen am Kieler Schauspiel inszeniert hat. Ein Auftragswerk, bei dem das Theater Kiel erneut mit dem Landeskirchenamt der Nordkirche kooperiert.

Kiel. Himmelhoch ragen die Wände, die Holzpanele rußgeschwärzt und so massiv, dass kein Draußen hereindringt. Ein bedrückend monumentaler Raum, halb Schrein, halb Verließ, von dem die Welt weit abgekoppelt scheint. Irgendwo zwischen Innenschau und äußerer Anfechtung ringt Luther, der große Reformator, hier um Klarheit und Wahrheit. Dabei haben Zaimoglu/Senkel keine Personality-Show im Sinn; ihr Luther ist auch einer von etlichen, die im ausgehenden Mittelalter mit Gott, Kirche und der Unübersichtlichkeit der Welt hadern.

Aufgehängt hat das Autorenduo die Geschichte von Glauben und Verblendung an dem historisch belegten Hexenprozess in Wittenberg, dem der damalige Bürgermeister Lucas Cranach im Dürrejahr 1540 willig stattgab. Auch wenn Luther damals nicht in Wittenberg weilte – im Stück treffen sie nun aufeinander, die hohen Herren von Stadt und Glauben, und die niederen Stände um die angebliche Hexe Prista Frühbottin und den Scharfrichter Magnus Fischer.

Das akribisch recherchierte, historische Figurenarsenal haben die Autoren durch ein paar fiktive jugendliche Sinnsucher ergänzt. Der Melanchthon-Jünger Christoph, den Jasper Diedrichsen sehenswert vom eifersüchtig verklemmten Jüngling zum brandgefährlichen Eiferer entwickelt. Thomas, der Cranach-Schüler, dem Martin Borkert den Zweifel in die unstete Existenz einbaut. Und Elsbeth, Pristas erfundene Nichte, die Olga von Luckwald mit viel unbefangener Energie auf die Bühne stellt. Sie ziehen der Glaubensstrenge das Leben und eine Liebesgeschichte ein.

Regisseurin Annette Pullen lässt „Luther“ zwischen Disput und Leben schwingen, stellt strenge Stilisierung gegen Volkstheater.

Letzteres machen Yvonne Rupprecht (Prista), Marko Gebbert (Scharfrichter) und Almuth Schmidt (Bäuerin) mit links lebendig. Dagegen sieht man den großen Reformator im Clinch mit dem eigenen Selbstzweifel, und Zacharias Preen, der ihn ganz zurückgenommen spielt, gibt der Verunsicherung ebenso Ausdruck wie dem Willen zur selbst ernannten Wahrheit: „Ich sehe Hexen, wo nur dunkle Schwaden Luft und Leere schwärzen Gibt es in dieser Finsternis den richtigen Weg hinaus? Ich zweifle, Käthe, ich zweifle an uns allen.“

Daneben erscheint Ehefrau Käthe, die ehemalige Nonne Katharina von Bora, als die eigentliche Hetzerin (kühl: Jennifer Böhm), die, von so wenig Wissen wie Zweifel angekränkelt, ein paar Leute auf den Scheiterhaufen schickt. Und während Luthers Freund Melanchthon (hadernd: Rudi Hindenburg) noch wankt, stellt Imanuel Humm Cranach, den Künstler mit politischen Ambitionen, lässig als gewissenlosen Pragmatiker dazu. Dass Maske und Kostüm (Barbara Aigner) die Ähnlichkeit zu den Originalen betonen, wirkt dazu so karikaturistisch wie emblematisch, macht die Figuren zu Maskenträgern, unter denen sich heute ganz andere verbergen könnten.

In eine rohe archaische Kunstsprache hat Zaimoglu die Geschichte gekleidet, wie sie auch schon seinen im Frühjahr erschienenen Luther-Roman Evangelio kennzeichnet. Ein wuchtiger Ton, der den Zuhörer wie im Rausch mitnimmt und den Annette Pullen in düsteren Tableaus festmacht. So wachsen die schwüle Paranoia, Geraune und Gerüchte in eine zusehends gewalttätige Stimmung. Und weil die Sprache so brutal benennt, was ist, braucht es kaum eine Bebilderung der Gräuel, die Cranach ja tatsächlich in Holz schnitzen ließ. Es reicht, wie Yvonne Rupprechts Prista als blutig geschundenes Bündel Mensch herumliegt und die Würdenträger in ihren Talaren dem Horror als kauend-fiebernde Voyeure zusehen.

Vielleicht erscheint die Gegenüberstellung manchmal etwas schematisch, fast so, wie die Figuren es den Autoren vormachen. Vor allem aber erkennt man, wie an die Stelle des Fragens das Eifern tritt und die Sehnsucht nach Wahrheit das Dogmatische befeuert. Die Verweise auf heutigen Fundamentalismus und gewaltbereiten Fanatismus ergeben sich da von selbst.

Von Ruth Bender

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