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Sehnsucht nach dem Ursprung

Hamburg Sehnsucht nach dem Ursprung

Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt große Jugendstil-Ausstellung.

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Auch das ist Jugendstil: Strandsport von Patienten im Sanatorium Carl Gmelin, Wyk auf Föhr (um 1912).

Quelle: Fotoarchiv Ingwersen, Wyk

Hamburg. . Mit einer Ausstellung zum Jugendstil widmet sich das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe vor allem den Reformideen und Zukunftsentwürfen der Epoche um 1900. „Jugendstil. Die große Utopie“ ist sie überschrieben. Geprägt sei der Jugendstil von der Idee des natürlichen Wachsens und Werdens, sagte Museumsdirektorin Sabine Schulze bei der Präsentation. Die Formen der Natur, der nackte Körper und die Ursprünglichkeit des Kindes seien als Gegenentwurf zur Industriegesellschaft begriffen worden.

Empfangen werden die Besucher von einem Kurzfilm mit sechs spärlich bekleideten jungen Frauen, wie sie in der freien Natur unbeschwert tanzen. Es folgt ein Film, der die Arbeit von Männern und Frauen in einer Keksfabrik zeigt. Umgeben ist die Leinwand von geschnitzten Möbeln, handgedruckten Büchern und traditionellen Textilien, die den Wunsch nach dem Individuellen dokumentieren. Es gehöre zu den Brüchen der Jugendstilbewegung, so Kuratorin Leonie Beiersdorf, dass ihre Kunst nur von einer wohlhabenden Schicht erworben werden konnte.

Die Jugendstilbewegung ist eingebettet in eine Zeit der Umbrüche: Röntgengeräte gestatten einen Blick in den Körper, die Psychoanalyse Siegmund Freuds in die Seele. Eine Eros-Figur und ein kleiner Phallus stammen aus der Sammlung Freuds. Eine Büste des Philosophen Friedrich Nietzsche verweist auf dessen Werk „Also sprach Zarathustra“, das die Philosophie jener Zeit prägte.

Größtes Ausstellungsstück ist ein Flügel mit kunstvollen Zarathustra-Motiven, der einst in der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt stand. Bilder von Gustav Klimt, Edvard Munch und Paula Modersohn-Becker zeigen die künstlerische Seite des Jugendstils. Ein Holzstuhl aus unbehandelten Ästen verweist auf die politischen Ideen der Künstlerkolonie Monte Veritá im schweizerischen Tessin. Sie war Teil einer europäischen Aussteigerbewegung, die Freikörperkultur, vegetarisches Leben und alternative Medizin propagierte. Im Sanatorium des schwäbischen Arztes Carl Gmelin in Wyk auf Föhr waren die Menschen zwar bekleidet, doch auch er setzte auf die natürlichen Heilkräfte von Wasser, Sonne und Luft.

Die Künste greifen die umwälzenden Veränderungen im privaten und gesellschaftlichen Leben auf, sie entwerfen neue Lebensmodelle — eben „die große Utopie“.

„Jugendstil. Die große Utopie“, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Steintorplatz, 17. Oktober bis 7. Februar.

Thomas Morell

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