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Sehr präzise verstimmt

Hamburg Sehr präzise verstimmt

Auf, ins Unbekannte: Aufwühlende Uraufführung bei der Eröffnung des kleinen Elbphilharmonie-Saals.

Hamburg. „Wir könnten momentan kammblasende Putzfrauen auftreten lassen, das Konzert wäre ausverkauft.“ Der Satz mag von mangelndem Respekt gegenüber dem Reinigungspersonal der Elbphilharmonie künden, doch Intendant Christoph Lieben-Seutter diente das plastische Beispiel als Beleg für die These, die sich auch am zweiten Tag der Eröffnungsfeierlichkeiten für den spektakulärsten Konzertsaal im Land aufdrängt: Hier geht es in diesen Stunden nicht nur um die Musik, sondern um das Spektakel. Und dazu gehören der Bau, die Säle mit ihrer sagenhaften Akustik, und dazu gehören auch die skandalgetränkte Vorgeschichte und das lärmende Feuerwerk der Eröffnungstage.

Zwei Künstler aus unterschiedlichen Disziplinen bestimmten das Konzert, das den kleinen Saal mit seinen 550 Sitzplätzen auf Betriebstemperatur brachte. Zum einen der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota, der auch im großen Saal sein ausgetüfteltes Konzept realisieren durfte. Bis kurz vor der Eröffnung hatte er an der Klangoptimierung des kleinen Saals gefeilt – das feingemaserte französische Eichenholz der Wandpaneele musste genau nach seinen Anweisungen in Wellen gefräst werden. Toyota war zur Premiere anwesend wie auch der zweite Großartist: Der Komponist Georg Friedrich Haas (65), ein schüchterner, in sich gekehrter Mann, der dennoch eine sehr expressive und fordernde Musik schreibt (siehe oben). „Release“, Befreiung, heißt das Werk, das dem Österreicher vom Ensemble Resonanz, Residenz-Orchester des kleinen Saals, für diesen Anlass aufgetragen worden war. Zunächst aber glich der Abend einer Gefangennahme.

Als das Publikum den abgedunkelten Raum betritt, sind bereits irritierende Klänge in der Luft. Spielen sie schon oder stimmen sie noch? Ostinate Streichermotive in merkwürdigen Misstönen rieseln herab von der Decke. Es dauert, bis man entdeckt, dass die Musiker des Ensemble Resonanz oben, wo die Paneele einen Freiraum mit Scheinwerfern lassen, für eine erste Attacke mit der Haas-Komposition lauern. Man fühlt sich wie in einen Holztresor verbannt, observiert von zirpenden Insekten.

Georg Friedrich Haas lebt in New York und dort in einem Biotop der Vierteltöne – er komponiert mikrotonal. Deshalb haben die Streicher an diesem Abend zwei Instrumente zur Hand, eines mit der üblichen Quintstimmung, das andere nach den präzisen Angaben des Komponisten verstimmt.

Nicht lachen: Das ergibt durchaus spannende Reibungen. Glissandi fallen zu Boden, die feinstrukturierten Kaskaden stehen zunächst wie Klangskulpturen im Raum. Nach und nach kommen die Streicher auf die Bühne, wo eine Harfenistin sich um zwei Instrumente bemüht – eines ebenfalls mit der Haas-Stimmung. Der Pianist, der sporadisch Akkorde in den Raum stellt, darf allerdings einen wohltemperierten Flügel spielen.

Das 25-minütige Werk ist ein Experiment mit flirrenden Obertönen, sehr elegant dirigiert vom Italiener Emilio Pomàrico. Toyotas wellenförmig gefräste Holzverkleidung korrespondiert zum Schluss von „Release“ dann auffällig mit Haas’ Tongekräusel.

Entspannung nach dieser Anstrengung bieten Alban Bergs „Sieben frühe Lieder“, neu arrangiert von Johannes Schöllhorn. Die französische Sopranistin Sandrine Piau, eine in allen Belangen ästhetische Künstlerin, verleiht den impressionistischen Liebesarien eine angenehme Präsenz, das Ensemble Resonanz aquarelliert dazu mit feinem Pinselstrich frische, aber auch düstere Farben. Etwas altmodisch wirken diese Lieder dann doch nach der aufregenden Eröffnung des Abends.

Mit der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ von Béla Bartók endet der Abend im Luxus-Labor der Elbphilharmonie. Mit den drei sehr kontrastreichen Sätzen aus dem Jahr 1936 unterstreicht das für jedes Experiment aufgeschlossene Residenz- Ensemble seine Virtuosität. „Auf, ins Unbekannte!“ war das Konzert überschrieben, die Erkundung von Ungehörtem wird hier demnächst fortgesetzt.

Nicht verschwiegen werden darf, dass einige offenbar verstörte Besucher nach der Pause nicht wiederkamen. Sie hatten vermutlich mehr Ohrenschmaus erwartet. Eine der Abtrünnigen ließ noch wissen, sie sei an diesem Abend „leider nicht auf kammblasende Putzfrauen“ getroffen, sie habe lärmende Wilde erlebt.

Michael Berger

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