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Kultur im Norden Serebrennikows „Nabucco“ feiert eine umjubelte Premiere in Hamburg
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18:57 11.03.2019
Im berühmten Gefangenenchor singen auch Flüchtlinge das berührende „Va, pensiero“ – ein Lied an die verlorene Heimat. Quelle: Brinkhoff-Moegenburg
Hamburg

Kompromisslos hat Kirill Serebrennikow den alttestamentarischen Stoff der Oper in die Gegenwart geholt. In seiner Sichtweise auf VerdisNabucco“ geht es nicht mehr um den Konflikt zwischen babylonischer Götterwelt und dem monotheistischen Gottesbild der Hebräer wie er im Libretto von Temistocle Solera (1815–1878) angelegt ist. Im Focus der Hamburger Inszenierung steht die aktuelle Flüchtlingskrise mit ihren politischen Wirkungen.

Weitere Aufführungen

Die nächsten Vorstellungen der Verdi-Oper „Nabucco“ bis Ende April sind bereits ausverkauft. Mit Chance gibt es einige wenige Restkarten.

Im Verkauf sind jetzt bereits Karten für die Vorstellungen im Herbst am 19. 9. um 19 Uhr, am 22. 9. um 16 Uhr, am 27. 9., 2. 10 und 5. 10 jeweils um 19.30 Uhr. Tickets gibt es unter Telefon 040/40 356 868 oder über die Webseite der Staatsoper: www.staatsoper-hamburg.de

„Das, wovon diese Oper erzählt, der kriegsbedingte Verlust von Heimat, geschieht heute“, übermittelte Serebrennikow dem Chor der Staatsoper per Videobotschaft das zentrale Thema der Aufführung. Sämtliche Proben und auch die Premiere am Sonntagabend gingen ohne ihn über die Bühne. Der 49-jährige Regisseur steht seit Mitte 2017 in Moskau unter Hausarrest. Sein „Nabucco“-Konzept – vom Entwurf des Bühnenbildes und der Kostüme bis hin zu detaillierten Regieanweisungen – übermittelte er durch Videobotschaften über seinen Anwalt nach Hamburg. Es ist ein radikal zeitgenössisches Konzept.

Politisches Machtspiel

Kirill Serebrennikow verlegt die Handlung in den Sitzungsaal und die Büros der Vereinten Nationen. Eine Abstimmung über den Umgang mit der weltweiten Flüchtlingskrise steht an. Der assyrische Autokrat Nabucco zielt mit seiner Kampagne „Assyria first“ auf rücksichtslose Abschottung, unterstützt von seiner ältesten Tochter Abigail. Sein politischer Gegner Zaccaria, der einen integrationsfreundlichen Kurs eingeschlagen hat, hofft, ihn mit belastendem Material über seine Lieblingstochter Fenena im Zaum halten zu können. Nabucco aber lässt alle Flüchtlinge internieren.

Während die politischen Lager ihre Positionen verhandeln, laufen reale Nachrichtenbilder von rechtspopulistischen Kundgebungen und Gegendemonstrationen aus den Ländern Europas über einen Bildschirm im Sitzungssaal und Zitate aus dem Weltgeschehen über ein Leuchtband: „Der Klimawandel ist die größte Herausforderung der nächsten Jahre“ – „Die Tage des Multilateralismus sind vorüber“ – „Mauern funktionieren, Mauern schützen Leben“.

Starke, emotionale Bilder

In den Umbaupausen senkt sich der Vorhang über das Bühnengeschehen, auf einer Leinwand sind Bilder des Kriegsfotografen Sergey Ponomarev zu sehen, der Flüchtlinge durch Europa begleitet hat. Sie zeigen ihre Gesichter, ihre Entwurzelung und ihre Not in Nahaufnahmen, während am Bühnenrand ein Oud-Spieler und eine Sängerin aus Syrien Lieder vortragen. Man kann nicht wegsehen, nicht weghören, sich nicht entziehen. Serebrennikow konfrontiert das Publikum mit dem Schicksal der Flüchtlinge und hält ihm deutlich vor Augen: Jeder in diesem Opernsaal ist mitverantwortlich für diese Menschen und ihr künftiges Leben, welche Position auch immer er dazu einnimmt. Heraushalten kann sich niemand.

Regisseur Kirill Serebrennikow hat für seine „Nabucco“-Inszenierung in Hamburg, starke Bühnenbilder gestaltet.

Das entfaltet eine ungeheure Wirkung; manch einem ist das zu viel. „Aufhören“, ruft ein Zuschauer, als Bilder aus dem Krieg in Syrien zu sehen sind; „Nicht schon wieder“ ist aus einer anderen Ecke zu hören, als die hohläugigen Ruinen der kriegszerstörten Gespensterstädte zu sehen sind. Kirill Serebrennikow findet starke emotionale Bilder für seine Botschaft. Im berühmten Gefangenenchor, der im „Va Pensiero“ die verlorene Heimat beklagt, singen auch Migranten mit – sie mischen sich im Halbdunkel der Bühne unter den Opernchor, als das Lied ausklingt, stehen sie am Bühnenrand, vor sich die Bündel ihrer Habseligkeiten. Serebrennikow macht sie, stellvertretend für die weltweit fast 60 Millionen Flüchtlinge sichtbar, und bindet sie durch ihr Mitwirken an dieser Oper ein in die Kulturtraditionen Westeuropas.

Eine kalkulierte, wirkungsvolle Zumutung

Vor dem Hintergrund der Frage von Integration versus Abschottung gegen die weltweiten Migrationsbewegungen entfaltet sich unterdessen das politische Machtspiel der „Nabucco“-Protagonisten. Die enorme Wucht von Verdis Musik hält Dirigent Paolo Carigani zugunsten ihrer emotionalen Wirkung im Zaum, lässt Orchester und Chor sehr zurückgenommen intonieren. Die Inszenierung setzt auf die starken Stimmen der Sänger. Bariton Dimitri Platanias ist ein beeindruckender Nabucco in wahnhafter Selbstüberschätzung und später Reue. Oksana Dyka zeigt als wutentbrannte und auf Rache sinnende Abigaille eine enorme Strahlkraft, gibt der in ihrer Liebe zurückgewiesenen und als Tochter enttäuschten Abigaille aber auch in leiseren Lagen Tiefe.

Das Publikum feierte Sänger und die überaus gelungene Inszenierung mit anhaltendem Applaus. Serebrennikows hochaktueller „Nabucco“ ist eine wohl kalkulierte, wirkungsvolle Zumutung.

Regine Ley

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