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Sex-Spiele ohne Sexappeal

Hamburg Sex-Spiele ohne Sexappeal

Tuntige Tänze, sehr viele Klischees: Musical-Uraufführung „Der bewegte Mann“ in Hamburg.

Hamburg. Gibt es das im Jahr 2017 noch: heterosexuelle männliche Großstadtbewohner, die meinen, sie müssten sich einen Keuschheitsgürtel umlegen, wenn sich ihnen ein Schwuler nähert? Weil Homosexuelle ja in jeder Lebenslage nichts anderes im Sinn haben, als Geschlechtsgenossen anzubaggern. Und hat es das je gegeben: schwule Männer, die sich obsessiv in Frauenkleidung werfen, sich affektiert artikulieren und mit dem angewinkelten Unterarm wedeln?

Beides gibt es im Musical „Der bewegte Mann“, das am Hamburger Thalia Theater die Ferienmonate füllt – eine Produktion des privaten Altonaer Theaters, für dessen Bühne dieses als Uraufführung titulierte Unternehmen zu groß schien.

Ralf Königs Comic-Strips aus dem schwulen Alltag der 1980er Jahre war für das Musical Vorbild, mehr aber noch der Film, den Sönke Wortmann 1994 mit Til Schweiger, Katja Riemann und Joachim Król gedreht hat. Christian Gundlach hat zu der Geschichte Songs geschrieben, Regisseur Harald Weiler lässt die Handlung auf einer Einheitsbühne mit viel Silberflitter nachspielen.

Man begegnet Axel, den seine Freundin Doro verstößt, weil er jede Gelegenheit zum Fremdkoitieren nutzt; der dann in den Haushalt eines Homosexuellen gerät und dort lernt, wie wahre Freundschaft geht.

In Zeiten der „Ehe für alle“ ein etwas aus der Gegenwart gefallenes Abenteuer. Und leider bedienen Regie und Ausstattung (Lars Peters) alle möglichen verzopften Klischees, die schon in den Travestie-Szenen der „Rocky Horror Show“ albern wirkten. Die schwulen Herren bewegen sich im Kleidchen auf Pumps, vollführen tuntige Tänze und hecheln lüstern hinter jedem Männerarsch her.

Auf der anderen Seite: Axel (hetero, blond, muskulös), nach Ansicht seiner Freundin Doro (Katja-Riemann-blond, heulsusig) an Sexsucht leidend, besucht eine Selbsthilfegruppe. Da sitzt eine Runde von langhaarigen, strickenden Kerlen in Parkas. Hier lernt Alex den schwulen Norbert kennen, der ihn aufnimmt und betütert. Die Irrungen und Wirrungen, Verwechslungen und Verklemmungen nehmen ihren Lauf und werden von Songs im Pop- und Schlager-Idiom der 1970er Jahre begleitet, deren Texte oft wehtun (Doro: „Ich hab’ ihm noch lange nicht verzieh’n, / und dennoch brauch’ ich ihn“).

Apropos Schmerz: Axel-Darsteller Elias Krischke, ein Junge ohne Kanten, singt gelegentlich, dass es dem Zuhörer schrill in den Ohren klingelt – er sollte seine Stimme noch schulen. Stimmgewaltig hingegen ein paar Nebenfiguren: Mark Weigel als Norbert-Intimus Waltraud, Tanja Bahmani als Doro-Kumpel Claudia.

Der Hauptmangel der Inszenierung aber ist, dass sie trotz vieler Bemühungen so etwas wie Sexappeal vermissen lässt. Eine heruntergelassene Hose ergibt noch keine Erotik. Auch das nuttige Outfit, mit dem die Doro-Freundinnen die Einsame in den Paarungskampf schicken, ist kein Aphrodisiakum.

Dass das ganze Unternehmen nicht völlig missraten ist, liegt an zwei Dingen: Raffiniert ist, wie Regisseur Weiler die Bühne zum Splitscreen macht und damit zwei Handlungsorte und -stränge miteinander verschränkt. Und da ist die Figur des schwulen Norbert, dargestellt von Jan Kersjes, die ungemein sympathisch ist mit ihrem ungekämmten Haarkranz und ihrer stoischen Suche nach wahrer Liebe. Kersjes hält den „Bewegten Mann“ zusammen.

Michael Berger

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