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Sex, Zappa und Kirchensteuer

Hamburg Sex, Zappa und Kirchensteuer

Willy Fleckhaus hat das deutsche Grafikdesign gehörig auf den Kopf gestellt. In Hamburg ist ihm eine Ausstellung gewidmet.

Hamburg. Sie waren seltsam, die späten Fünfzigerjahre. Das Haar war kurz, die jüngste Vergangenheit irgendwie schon lange her, und Jeans waren keine Jeans, sondern Nietenhosen. Da musste auffallen, wenn am Kiosk plötzlich ein Magazin lag, das viel riskierte und im Zweifel noch ein bisschen mehr.

Der Termin

Die Ausstellung läuft noch bis zum 7. Mai

(Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Do. von 10 bis 21 Uhr). Sie wurde von dem Fleckhaus-Kenner Hans-Michael Koetzle zusammen mit dem Museum für Angewandte Kunst in Köln und dem Museum Villa Stuck in München erarbeitet.

„Twen“ war solch ein Magazin. Und zu verantworten hatte den Wirbel vor allem der Mann, der es designte: Willy Fleckhaus. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist jetzt eine Ausstellung über ihn und sein Werk zu sehen.

Die erste „Twen“-Ausgabe erschien im April 1959. Es gab damals „Student im Bild“, eine recht erfolgreiche Zeitschrift für Leute im Uni-Umfeld. „Twen“ sollte etwas Ähnliches werden, aber noch darüber hinausgehen. Das tat man dann auch, allen voran Willy Fleckhaus, ein junger Grafikdesigner von damals 34 Jahren, der einen völlig anderen Blick hatte und einen völlig neuen Blick schuf.

Er hatte vorher „Aufwärts“ designt, ein Magazin für junge Gewerkschafter. Die Leser murrten, es sei zu wenig Sport darin, zu wenig Rätsel, zu wenig Schach. Aber Fleckhaus war das egal. Er legte dort schon eine an Schweizer und US-Vorbildern geschulte Bildsprache an den Tag, die er bei „Twen“ noch verfeinerte. Er arbeitete mit großen Fotos und extremen Schnitten. Er wählte eine deutliche Typografie, ging behände und sicher mit Weißraum um und schuf Seiten, die mal anmutig waren und mal provokant, aber immer souverän, großzügig und klar.

Es ging ein Ruck durch die Magazinlandschaft, sagt Hans-Michael Koetzle, auf dessen Sammlung die Ausstellung basiert. Und es dauerte nicht lang, da hatte der „Stern“ sein Layout geändert. „Twen“ sei nicht der Grund gewesen, habe „Stern“-Chef Henri Nannen ihm noch kurz vor dessen Tod gesagt, so Koetzle. Aber es habe nicht sehr überzeugend geklungen.

Fleckhaus wurde zu einer Instanz im deutschen Grafikdesign. Ein Mann mit Halbglatze und Vollbart, der eher gemütlich aussah, der aber sehr ungemütlich werden konnte, wenn die Dinge nicht so liefen.

„Wie alle Designer“, sagt lachend Wolfgang Wiese, der bis vor ein paar Jahren in der Grafik bei der „Zeit“ gearbeitet hat und Fleckhaus als Kollegen kannte. „Aber er war liebenswert. Und es war immer spannend.“

Das kann man wohl sagen. Zumal sich Fleckhaus nicht nur auf Zeitschriften beschränkte. Er schuf unter anderem das Regenbogendesign der „edition suhrkamp“, eine Schriftenreihe des gleichnamigen Verlages, die von Adorno bis Wittgenstein den theoretischen Treibstoff lieferte für die 60er und 70er Jahre und nicht wegzudenken war aus studentischen Bibliotheken. Er war auch verantwortlich für das Design anderer Buchreihen bei Suhrkamp und Piper, entwarf Plattencover und das WDR-Logo und renovierte die „Quick“. Und einmal musste gar der Name eines Bootes in Italien geändert werden, weil Fleckhaus ein Layout gemacht hatte und der Name nicht passte.

„Twen“ hatte eine Auflage bis zu 300000 Exemplaren. Sie war mit 2,50 Mark im Jahr 1970 recht teuer und wurde im Jahr darauf eingestellt. Zeit ihres Lebens aber sorgte sie für reichlich Bewegung.

Neben dem Layout lag das natürlich auch an den Themen. Es ging um Homosexualität, „Liebe im Auto“ und die Abschaffung der Kirchensteuer. Im Januar 1970 las man „So killt Porno die Lust“ auf dem Titel, dazu gab es Geschichten über die Doors und Frank Zappa. In einem anderen Heft prangte neben einem Porträt von David Ben-Gurion die Zeile: „Was ist mit den Juden? Twen antwortet auf grauenhafte Leserbriefe.“ Und Texte von Autoren wie Norman Mailer hatten sie auch im Blatt.

Fleckhaus wurde 1974 Professor an der Folkwangschule in Essen und lehrte später in Wuppertal. Mit dem Magazin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ übernahm er 1980 seinen letzten großen Auftrag. Er schuf eine Beilage, von deren Titel einen James Joyce oder ein Hase ansehen konnten, rote Lippen oder Frauen im Sonnenbad, alles auf schwarzem Grund, alles edel und gediegen. 1983 starb Willy Fleckhaus, der Mann, der „erst gucken, dann denken“ sagte, Deutschlands erster Artdirector.

Peter Intelmann

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