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Kultur im Norden Shakespeare auf dem platten Lande
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19:15 02.03.2016

Es gibt nur wenige Opern mit einer derartigen Massierung und Verquickung von Sex and Crime. „Lady Macbeth von Mszensk“ von Dmitri Schostakowitsch aus dem Jahr 1934 gehört zu dieser kleinen Gruppe, schon allein deshalb ist das Werk eine Ausnahme in der Opernliteratur des 20. Jahrhunderts. Und die Geschichte ist wirklich wüst: Die schöne Katerina ist mit dem impotenten Kaufmann Sinowi verheiratet und dementsprechend unglücklich. Als ihr Mann verreist ist, bandelt sie mit dem virilen Knecht Sergej an. Ihr Schwiegervater erwischt Sergej bei Katerina, schlägt ihn halbtot und wird daraufhin von seiner Schwiegertochter vergiftet. Als Katerinas Mann heimkehrt, wird er misstrauisch, Katerina und Sergej ermorden auch ihn. Dann heiratet das Mörderpärchen, aber danach wird die Leiche von Sinowi entdeckt. Katerina und Sergej werden nach Sibirien verbannt. Auf dem Weg ins Lager bandelt Sergej mit der Gefangenen Sonetka an, als sie das entdeckt, tötet Katerina die Rivalin und nimmt sich selbst das Leben.

Es gibt nur wenige Opern mit einer derartigen Massierung und Verquickung von Sex and Crime.

Steckt hinter dieser Geschichte mehr als Erotik, Gewalt und Verbrechen? Regisseur Jochen Biganzoli sieht die Antwort auf diese Frage in der Partitur von Schostakowitsch: „Der Komponist hatte große Sympathien für seine Heldin Katerina. Sie ist bei ihm das Opfer einer gnadenlosen Männergesellschaft, in der nur Rohheit und Gewalt wirken. Sie versucht sich daraus zu befreien. Diese Sympathie wird in der Musik deutlich, die Schostakowitsch ihr gewidmet hat.“ Die Musik der Katerina unterscheidet sich in ihrem an Mahler erinnernden Schmelz von den derben, grotesk-satirischen Passagen, die den anderen Protagonisten zugeschrieben sind. Biganzoli: „Die Vielfalt der stilistischen Mittel, die Schostakowitsch verwendet, ist immens. Mir kommt es deshalb eher darauf an, die Musik zu inszenieren als das Libretto.“

Es gibt erotische Passagen in der Partitur, die an Eindeutigkeit nicht zu überbieten sind, etwa die „Kopulationsmusik“ zwischen den beiden Mordtaten im zweiten Akt. „Wir bieten keine naturalistische Inszenierung, in der ein Geschlechtsakt in aller Deutlichkeit gezeigt wird“, sagt der Regisseur. „Wir zeigen alles theatralisch, mit den Mitteln des Theaters und nicht denen des Films. Den benutzen wir nur als Mittel zum Zweck, mit Live-Kamera und Videos.“

Wenn man „Lady Macbeth von Mszensk“ inszeniert, kommt man an der Rezeptionsgeschichte nicht vorbei. Die Oper wurde 1934 in Leningrad uraufgeführt und zwei Jahre lang mit größtem Erfolg bei Publikum und Kritik gespielt. Dann besuchte Stalin eine Aufführung, einen Monat später erschien in der „Prawda“ ein Artikel mit der Überschrift „Chaos statt Musik“ — Schostakowitschs Oper wurde verboten, die Lage für den Komponisten wurde lebensgefährlich. Biganzoli: „Wir beginnen die Aufführung deshalb mit dem vierten Satz aus dem 8. Streichquartett von Schostakowitsch, das er sich selbst gewidmet hat und in dem er sich selbst zitiert. In diesem Quartett hat der Komponist seine Probleme mit dem Sowjetregime in Musik gefasst. Schostakowitsch muss sich unter Stalin in gewissem Sinne ähnlich gefühlt haben wie Katerina in ihrer unglücklichen Ehe.“

Aufgeführt wird die Oper in russischer Sprache. Warum? „Es stand hier im Hause von Anfang an fest, dass die Produktion in Russisch erfolgen sollte. Das hat einiges für sich, die russische Sprache passt ganz einfach besser zur Musik von Schostakowitsch als die deutsche. Und da die Musik oft sehr laut und schräg ist, würde man auch auf Deutsch nicht viel verstehen. Wir haben ja eine Übertitelungsanlage.“

Premiere morgen um 19.30 Uhr im Großen Haus. Dauer der Aufführung ungefähr 3 Stunden 15 Minuten.

Der Nachwuchs mischt kräftig mit

Das Internationale Opernelitestudio von Theater Lübeck und Musikhochschule ist an der Produktion der Schostakowitsch-Oper beteiligt. Fünf der sechs Mitglieder des Studios haben eine oder gleich mehrere Rollen in „Lady Macbeth von Mszensk“ — eine große Herausforderung. Hyungseok Lee (Korea, Tenor), Raffaela Lintl (Deutschland, Sopran), Katharina Kühn (Deutschland, Sopran), Seokhoon Moon (Korea, Bass), Grzegorz Sobczak (Polen, Bariton) und Guillermo Valdés (Chile, Tenor) mussten sich unter anderem mit der russischen Sprache auseinandersetzen. „Wir hatten ein sehr gutes Coaching“, sagt der Chilene Valdés. „Die Probenarbeit war anstrengend, aber lohnend.“ Auch die anderen Mitglieder finden sich am Theater und an der Hochschule gut aufgehoben. Die Mischung aus Unterricht und Berufspraxis bewährt sich für die Nachwuchskräfte, die in drei bis vier Produktionen kleine und mittlere Partien übernehmen. In der „Lady Macbeth“ ist von den Studio-Mitgliedern nur die Sopranistin Raffaela Lintl nicht mit dabei. Sie wird jedoch in Mendelssohns „Lobgesang“ als Solistin zu hören sein.

LN

Von Jürgen Feldhoff

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