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Siegfried Lenz‘ Pfeifen unterm Hammer

Apenrade/Dänemark Siegfried Lenz‘ Pfeifen unterm Hammer

120 Exponate aus dem Hamburger Haushalt des Schriftstellers wurden am Wochenende im dänischen Apenrade versteigert.

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Apenrade/Dänemark. Siegfried Lenz, der im Oktober 2014 in Hamburg verstorben ist, sah man zu Lebzeiten nie ohne seine Pfeife. Ein paar Dutzend davon hat er hinterlassen, 40 davon standen am vergangenen Wochenende — katalogisiert und fein säuberlich aufgereiht — auf einem langen Tisch unter anderen Alltagsgegenständen aus dem Haushalt des Schriftstellers.

LN-Bild

120 Exponate aus dem Hamburger Haushalt des Schriftstellers wurden am Wochenende im dänischen Apenrade versteigert.

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Initiatorin der Auktion dieses bescheidenen Teils des Lenz-Nachlasses war seine zweite Ehefrau Ulla, die Lenz 2010 im fortgeschrittenen Alter von 84 Jahren geheiratet hatte. Der gesamte Versteigerungserlös kommt der Siegfried- Lenz-Stiftung in Marburg zu Gute, die der Schriftsteller kurz vor seinem Tod gegründet hatte. „Es war ein persönlicher Wunsch meines Mannes, dass seine Leser und Freunde aus Dänemark und aus dem Norddeutschen die Möglichkeit haben, einige Gegenstände aus seinem Besitz als Andenken zu erwerben“, sagte Ulla Lenz in Apenrade. Viele Bewunderer des Schriftstellers und auch Freunde waren ins süddänische Apenrade angereist.

Der Kontakt nach Dänemark hat eine lange Vorgeschichte. Lenz und seine erste Frau Liselotte, genannt Lilo, verbrachten im eigenen Sommerhaus auf Alsen ihre Ferien, Lenz selber wurde von der dänischen Bäckerinnung für sein Buch „Jütländische Kaffeetafeln“ — eine Art kulinarische Liebeserklärung an den nordschleswigschen Landesteil in Dänemark — mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet.

Erste Anläufe zur Versteigerung der Alltagsgegenstände, unter denen sich außer den Pfeifen auch der Arbeitsschreibtisch und die Stühle, Angeln, Füller, Kugelschreiber und seine Brillen befanden, wurden Ende 2015 unternommen. Ulla Lenz bat die Direktorin der deutschen Zentralbücherei, Claudia Knauer, in Apenrade um Hilfe bei der Organisation.

„Meine Mitarbeiter und ich haben alle Gegenstände, die Frau Lenz aus der Hamburger Wohnung zusammengetragen hatte, gesichtet, verpackt und nach Apenrade transportiert. Ulla hat diesen Weg gewählt, um die Verbundenheit des Schriftstellers mit Nordschleswig zu unterstreichen“, berichtet Direktorin Knauer.

Lenz sei bodenständig und nicht dem luxuriösen Leben zugewandt gewesen, „hanseatisch geprägt“, wie es Claudia Knauer nennt. Die Auktion am Wochenende brachte rund 20000 dänische Kronen ein, umgerechnet etwa 2700 Euro, die nun direkt an die Stiftung nach Marburg gehen. „Jeder Gegenstand sollte mindestens 100 Kronen erbringen. Wurde die Summe nicht erreicht, haben wir das Exponat auch nicht veräußert“, so Claudia Knauer.

Vor der eigentlichen Versteigerung berichtete Ulla Lenz, wie es zur Veröffentlichung des nachgelassenen Romans „Der Überläufer“ kam, der nun, eineinhalb Jahre nach dem Tod des Autors, die Spitze der Bestsellerlisten erklommen hat. Sie hatte gemeinsam mit den Mitarbeitern der Stiftung in mehreren Kartons insgesamt 16 einzelne Kapitel des vergilbten Manuskripts gefunden. Erst mit der Zusammenführung aller Teile wurde erkennbar, welch sensationellen Fund sie da gemacht hatten. Lenz hatte das Werk 1951 im Alter von 25 Jahren geschrieben, es handelt von einem deutschen Soldaten, der sich am Ende des Zweiten Weltkriegs Partisanen und der Roten Armee anschließt. Erschienen war das Frühwerk aus politischen Gründen seinerzeit nicht.

Lenz‘ Brillen wurden von einem Vertreter der Fielmann-Stiftung ersteigert, sie sollen in der Optiker- Akademie im Schloss Plön ausgestellt werden. Ein Flensburger konnte zwei Briefbeschwerer aus Glas, ein Geschenk von Loki und Helmut Schmidt an Lenz, für nur 350 Kronen (47 Euro) ersteigern. Eine Frau aus Düsseldorf bekam den Zuschlag für die gelbe Schreibtischlampe, die jahrelang das Licht für das Verfassen der Texte am Arbeitsplatz des Schriftstellers lieferte.

Der Autor als Stifter

2700Euro erbrachte die Versteigerung von Siegfried Lenz‘ persönlichen Gegenständen in Apenrade. Das Geld geht an die 2014 gegründete Lenz-Stiftung, die auch den Siegfried-Lenz-Preis vergibt. Mit dem Preis sollen „internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgezeichnet werden, die mit ihrem erzählerischen Werk Anerkennung erlangt haben und deren schöpferisches Wirken dem Geist von Siegfried Lenz nah ist“, heißt es in den Richtlinien. Der erste Empfänger von 50000 Euro Preisgeld war der Israeli Amos Oz.

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Ostpreußen geboren. Er wurde als 17-Jähriger noch zur Kriegsmarine eingezogen. Im Berliner Bundesarchiv befinden sich Unterlagen, die belegen, dass Lenz 1944 in die NSDAP eingetreten ist. Er selbst will ohne sein Wissen in einem Sammelverfahren aufgenommen worden sein. Kurz vor Kriegsende desertierte er in Dänemark.

Als Schriftsteller trat Lenz 1951 mit dem Roman „Es waren Habichte in der Luft“ hervor. Sein bedeutendster Roman ist die „Deutschstunde“ aus dem Jahr 1968. Thema ist falsch verstandenes Pflichtgefühl in der Zeit des Nationalsozialismus. Auch der Kurzgeschichtenband „So zärtlich war Suleyken“ (1951) war ein Bestseller. Lenz starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.

Von Karsten Sörensen

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