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Silberne Möwe für scharfe Untertöne

Travemünde Silberne Möwe für scharfe Untertöne

Erster Kabarettpreis Schleswig-Holsteins vergeben.

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Sieger René Sydow (r.) mit Wolfgang Hovestädt von der Kulturbühne.

Quelle: Foto: Sabine Spatzek

Travemünde. Volles Haus bei der Kulturbühne im ehemaligen Travemünder Hafenbahnhof: Zwei Männer und zwei Frauen traten im Wettstreit um den erstmals ausgelobten Prix du Cabaret – Silberne Möwe. Die Kabarettisten legten sich in Kurzauftritten ins Zeug, um das Publikum als Jury von sich zu überzeugen. Von spitzen Schnabelhieben auf gesellschaftliche Zustände bis hin zum schlüpfrigen Klamauk zu Gitarrenklängen erlebten die Zuschauer in jeweils einer Viertelstunde feine Kleinkunst. Am Ende fiel das Votum eindeutig aus.

So unterschiedlich die vier Beiträge waren, so auffällig dominierte das Reizthema Bildung. Da passte es gut, dass es Lübecks Bildungs- und Kultursenatorin Kathrin Weiher war, die am Schluss die gläserne Trophäe mit der eingravierten Möwe an den Gewinner übergab. Wolfgang Hovestädt von der Kulturbühne steuerte noch das Preisgeld von 1000 Euro bei, um den „ersten Kabarettpreis Schleswig-Holsteins“ aufzuwerten. Wobei der Titel Silberne Möwe ein klarer Fall von „hanseatischem Understatement“ sei, konstatierte Moderator Richard Berkowski: „Für den gleichen Preis hätte Herr Hovestädt ja auch eine goldene Möwe bekommen können “

Für einiges Amüsement sorgte als erster der Wettbewerber Johannes Schröder. Als ehemaliger Deutschlehrer („halbtags, aber lebenslänglich“) parodierte „Herrn Schröder“ im Cordjackett „am Korrekturrand der Gesellschaft“, zitierte einen Schüler namens Justin („Lieblingstier: Rindenmulch, Lieblingsstadt: Karstadt“) und testete am Publikum die späte Traumawirkung von Wörtern wie „Gedichtinterpretation“. Ihm folgte Sabine Domogala, die sich als Motivationstrainerin alle Mühe gab, die Zuschauer für ihren „Sorgensack in Häkeloptik“ zu begeistern. Isabel Arnold, Künstlername Hüper-Bel, gab ihre Erfahrungen als Thüringerin zum Besten, die über die Frankenroute nach Bayern geflüchtet ist, sowie ein Spottlied auf Sadomaso-Erotik, inspiriert durch den Kinohit „Fifty Shades of Grey“.

Während diese drei Künstler vor allem auf die Lachmuskeln zielten, schlug René Sydow einen anderen Ton an. Der Kabarettist sezierte mit scharfen Untertönen das Verhältnis von Wissen und Bildung, von Selfie- Kultur und Zukunftsfähigkeit. Mit seiner durchaus nicht bierernst vorgetragenen und doch ernsthaften Gesellschafts- und Fortschrittskritik sammelte Sydow bei der Abstimmung die meisten Zuschauer-Stimmen ein. Gestern Abend stand der Gewinner der Silbernen Möwe dann mit seinem kompletten Solo- Programm noch einmal auf der Bühne.

Sabine Spatzek

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