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Singen im Integrationswald

Hamburg Singen im Integrationswald

Die Revue „Willkommen“ am St. Pauli-Theater lacht und flucht über unsere Probleme mit den Flüchtlingen.

„Habt Acht! Uns dräuen üble Streich“: Der Wagner-Chor des Flüchtlingsorganisationskomitees begrüßt die Flüchtlinge aus der muslimischen Welt.

Quelle: Georg Wendt/dpa

Hamburg. Mit der Begrüßung von Neubürgern, die über die Balkanroute zu uns gekommen sind, ist das so eine Sache. Eine gewisse Charlotte Möller behilft sich mit den Worten:

 

LN-Bild

Theatermann, Pianist und Komponist: Franz Wittenbrink.

Quelle: dpa

„Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann, liebe Flüchtlinge...“ Und schon fährt ihr eine junge Frau in die Parade: Das müsse „Geflüchtete“ heißen, jetzt, da sie angekommen seien, seien es keine Flüchtlinge mehr.

Dass es viele Deutsche genau nehmen mit der Adressierung von Menschen aus anderen Kulturen und dass da dennoch Stolperfallen lauern, wird an diesem Abend mehrmals deutlich – entweder als Kritik an heimischem Übereifer oder als Gag. Denn wir befinden uns in einem Wittenbrinkabend, und da hat das ironische Untergraben von Alltagsbefindlichkeiten und politischen Erregungszuständen System. Urheber Franz Wittenbrink hat ins Hamburger St. Pauli-Theater geladen, seine Revue ist überschrieben mit „Willkommen – Ein deutscher Abend“. Mit deutschen Volksliedern und internationalen Popsongs sollen die Neuen aus den muslimischen Ländern integriert werden. Die Bühne deutet eine Schulturnhalle an, die Zuschauer werden als jene „Geflüchtete“ angesprochen und von den Mitgliedern eines „Flüchtlingsorganisationskomitees“ aufgefordert, zunächst einmal in den Kanon „Froh zu sein bedarf es wenig“ einzustimmen, was bei der Premiere auch mehrheitlich befolgt wird.

Dass deutsch nicht gleichbedeutend ist mit harmlos, wird dann mit einer eichenharten Komposition von Richard Wagner demonstriert. Frau Möller (Susanne Jansen) intoniert im Dirndl und mit einem gehörnten Helm auf dem Kopf stimmgewaltig die Schlussansprache des Hans Sachs aus den „Meistersingern“: „Verachtet mir die Meister nicht / und ehrt mir ihre Kunst!“ Da bebt das Dekolleté, und wenn der Chor der Spießbürger donnernd einstimmt „Habt Acht! Uns dräuen üble Streich: / zerfällt erst deutsches Volk und Reich, / in falscher welscher Majestät / kein Fürst bald mehr sein Volk versteht...“, dann kann man Angst bekommen vor so viel hochkultureller Tümelei. Bei den sieben Darstellerinnen und Darstellern geht dann auch der Arm hoch – der Hitlergruß wird gerade noch vermieden, es endet in einer Triumphgeste. Dass vom deutschen Liedgut wirklich keine Gefahr für den Weltfrieden mehr ausgeht, erscheint unsicher.

Manche Szenen wären kaum zu ertragen, wenn Wittenbrink für sein Personal nicht traumschöne Vokalsätze geschrieben hätte und wenn die Darsteller nicht so hinreißend singen würden. Unheimlich ist die Tschador-Parade von drei Sängerinnen, die die Verhüllung als erotische Inszenierung feiern. Oder der Auftritt eines Schleppers (Rainer Piwek), der verkündet: „Ich kassiere, ich schmiere...“ und der erklärt: „Wer hierherkommt, bestimme ich.“

Die meisten Auftritte aber sind amüsant: Da ist der türkischstämmige Klempner Ekmek (Rainer Piwek), der kunstvoll das Deutschlandlied singt und sich alla turca mit der Langhalslaute Saz begleitet; oder die Islamexpertin (Anne Weber), die einerseits die aufklärerische Tradition der Araber rühmt, andererseits flucht: An Silvester haben sie in Köln und auf St. Pauli Frauen überall hingefasst – aber die Hand wollen sie einem nicht geben.

Wittenbrink sieht seinen „Willkommen“-Abend als Gegengift zu den Bemühungen anderer Bühnen um die Lufthoheit in der Flüchtlingsdebatte. Er mosert im Programmheft: „Betroffenheitstheater, das in Wirklichkeit nur das eigene ,Gutsein‘ abfeiert, übrigens meist mit Texten von Elfriede Jelinek (...), hat jetzt lange das Feld bestimmt.“ Er will, dass in dieser sinistren Kulturbrache – mit den Worten von Dario Fo – „ein Gelächter explodiert“. Neben dem Lachen könne aber auch das Singen gegen Ängstlichkeiten helfen – „wie früher im Wald“. Schön gesagt, hervorragend gelungen.

„Willkommen“ am St. Pauli-Theater: 25. 9., 27. 9. bis 2. 10.

• Internet: www.st-pauli-theater.de

Der Wittenbrinkabend

Franz Wittenbrink (68) ist der Erfinder einer Musiktheater-Form, die sich unter der Bezeichnung „Wittenbrinkabend“ etabliert hat. Er lässt seine Schauspieler Volks- und Pop-Liedgut singen und umgibt es mit einer ironisch aufgeladenen Rahmenhandlung. Bekannt wurde Wittenbrink mit dem Stück „Sekretärinnen“ über ein Großraumbüro, das 1995 am Hamburger Schauspielhaus Premiere hatte und auch in Lübeck nachgespielt wurde.

 Michael Berger

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