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Kultur im Norden Skandinavische Dokumentarfilme: Bilder vom wirklichen Leben
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06:00 21.10.2017
Im Film der norwegischen Regisseurin Solveig Maelkeraaen schneiden Jugendliche Kabeljau-Zungen heraus.  Quelle: Medieoperatorene AS
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Lübeck

Wenn man zum Beispiel eine Stunde und 25 Minuten lang zehn- und zwölfjährige Kinder dabei beobachtet, wie sie in einer nordnorwegischen Fischfabrik von morgens bis abends frisch gefangenen Kabeljauen die Zungen herausschneiden, weil die sich als Delikatesse gut verkaufen lassen, dann ist das aus mitteleuropäischer Sicht alles andere als normal. Hierzulande werden wenig Kabeljau-Zungen gegessen, für die unappetitliche und stinkende Arbeit des Zungenschneidens wäre es in Deutschland wohl auch schwierig, Personal zu finden. Regisseurin Solveig Maelkeraaen ist es gelungen, dennoch Verständnis für die beiden kindlichen Protagonisten zu wecken. Die wollen mit ihrem Verdienst als Zungenschneider ein Boot kaufen und sich so einen Herzenswunsch erfüllen. Man entwickelt als Zuschauer Empathie für die Kinder, und das spricht für die Authentizität des Filmes. Hier werden blutige Bilder nicht ästhetisiert, sondern in all ihrer Drastik gezeigt.

Norwegische Robbenfänger

Das gilt auch für einen weiteren norwegischen Film. Trude Berge Ottersen und Gry Elisabeth Mortensen haben die Besatzung des letzten norwegischen Robbenfangschiffs bei ihrer finalen Ausfahrt in die Eisfelder zwischen Grönland und Island begleitet. Das Handwerk der Robbenjäger ist ebenso blutig wie gefährlich. Sie schießen die Robben vom Schiff aus und balancieren dann von Eisscholle zu Eisscholle, um den Tieren, die noch nicht tot sind, die Schädel einzuschlagen. An Bord werden den Robben die wertvollen Felle abgezogen, das Fleisch wird portioniert und entweder eingesalzen oder eingefroren.

In der EU ist der Handel mit Robben-Produkten seit 2009 verboten. Da Norwegen der EU aber nicht angehört, dürfen die Männer weiter auf die Jagd gehen. Aber das rohe und raue Gewerbe stirbt aus: Nur noch ein Schiff gab es im vergangenen Jahr, 1900 waren es noch 200. Und obwohl es grausam ist, den Umgang mit den Tieren zu sehen, ist dieser Film doch nicht denunzierend. Man hat Verständnis für die Männer, die hart für ihr Geld schuften, freut sich aber dennoch, dass es den Robben bald nicht mehr an den pelzigen Kragen geht.

Allein unter Isländern

Hinaus auf See zieht es eine junge Frau in dem Film „Dóra – Eine von den Jungs“ des isländischen Regisseurs Árni Gunnarsson. Einfühlsam und respektvoll schildert Gunnarsson, wie sich eine junge arbeitslose Frau, die in finanziellen Schwierigkeiten steckt, dazu entschließt, einen Job auf einem Fischerboot anzunehmen. Allein unter 24 Männern geht Dóra diese Herausforderung an – ein beeindruckendes Porträt einer beeindruckenden jungen Frau.

Island ist aber auch das Land, in dem von Staats wegen Straßen verlegt werden, um Trolle, Feen und andere Geisterwesen nicht zu stören. Eine enge Beziehung zum Übersinnlichen hatte auch der Mechaniker Reynir Örn Leósson, der in den 1970er Jahren als stärkster Mann der Welt galt. Baldvin Zophoníassons Film über die Lebensgeschichte Leóssons gehört in die Kategorie der typisch skandinavischen Skurrilitäten. Denn Reynir, der Starke, sah eigentlich ganz normal aus und nicht wie ein Kraftprotz. Er brachte auch nur 74 Kilogramm auf die Waage, konnte aber 500 Kilogramm anheben. Seine Kraft zog er aus seiner Fähigkeit, telepathisch Kontakt zu seiner Umwelt aufnehmen zu können – sagte er zumindest. Stark war er tatsächlich, dieser seltsame Isländer, in einem Film, den er über sich drehen ließ, zeigt er, wie er aus einer speziell gesicherten Gefängniszelle ausbricht, ohne jegliches Werkzeug, nur durch die Kraft seiner Hände, ständig überwacht durch Polizeibeamte. Zu Wort kommen in der Dokumentation auch Angehörige des Kraftmenschen. Sie alle haben auch Verbindungen zur übersinnlichen Welt, offenbar liegt das in der Familie. Reynir Leósson gelang es nicht, seine Fähigkeiten zu Geld zu machen. Er verfiel dem Alkohol und starb jung.

"Hurenkind" und estnische Siedler

Ganz anders geht der Schwede Knutte Wester seinen Film „Das Hurenkind“ an. Der Film basiert auf den Erinnerungen seiner Großmutter, die 1909 unehelich zur Welt kam und eine Demütigung nach der anderen erleiden musste in einer Gesellschaft, die sich zwischen Bigotterie und Unterdrückung bewegte. Das besondere an Westers Film ist, dass er diese Erinnerungen durch mit fahl-grauen Wasserfarben gemalte Bilder auf die Leinwand bringt. Das unterscheidet den Streifen grundsätzlich von anderen biografischen Arbeiten und macht ihn umso eindrücklicher. Diese Erinnerungen sind sehenswert.

Ebenso wie „Schnee auf dem roten Hügel“. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts machten sich estnische Bauernfamilien auf den Weg, um eine neue Heimat zu suchen, in der sie besser leben konnten als im rauen Norden. Sie landeten im Süden Russlands an der Küste des Schwarzen Meeres in Sotschi und gründeten dort ihr eigenes Dorf, in dem sie mehr oder weniger glücklich über die Jahrzehnte lebten. Aber dann beschloss Russland, in Sotschi die Olympischen Winterspiele abzuhalten, das Dorf der Esten stand im Weg und wurde plattgemacht. Das Ende einer alten und seltsamen Kultur.

Von Jürgen Feldhoff

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