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Skulpturen aus Männerkörpern

Hamburg Skulpturen aus Männerkörpern

Starke Bilder einer verschworenen Gemeinschaft: Herman Melvilles „Moby Dick“ auf der Bühne des Thalia-Theaters Hamburg.

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Die Mannschaft auf der Jagd nach Moby Dick (v. l.): Julian Greis, Thomas Niehaus, Daniel Lommatzsch, Andre Szymanski, Sebastian Zimmler, Jörg Pohl, Mirco Kreibich und Rafael Stachowiak.

Quelle: Foto: dpa

Hamburg. „Wir alle sind Ahab“, rufen sie einmal wie aus einem Mund, und ab und zu humpeln sie über die Bühne, als hätte jeder von ihnen nur noch ein Bein. So wie Kapitän Ahab eben, dem einst Moby Dick, der gewaltige weiße Wal, ein Bein weggerissen hat. Von Phantomschmerzen gemartert, besessen von Rachegedanken, verfolgt der Walfänger seitdem den Koloss, in dem er das Böse schlechthin verkörpert sieht. Seine Leute an Bord der Pequod stehen wie ein Mann hinter ihm: „Wir alle sind Ahab.“

Die verschworene Männergemeinschaft ist der Dreh- und Angelpunkt in der „Moby Dick“-Inszenierung des Shootingstars Antú Romero Nunes (29), der sich im Hamburger Thalia-Theater an den komplexen Roman von Herman Melville heranwagt und dabei zumindest keinen völligen Schiffbruch erleidet. Die Fokussierung auf das Thema der wie zusammengeschweißt agierenden Gruppe ermöglicht es dem Regisseur, einen gefährlich glitzernden Brocken aus dem Buch von 1851 herauszubrechen.

Zupass kommt Nunes dabei sein Sinn für Gruppendynamik und -choreographie, der bewirkt, dass die acht bis zur Erschöpfung sich verausgabenden Darsteller gleichsam zu einem einzigen Wesen verschmelzen. Verstörend die Auflösung des Einzelnen in der Gruppe, erschreckend die Preisgabe der Individualität in der Gemeinschaft, böse Assoziationen weckt die bedingungslose Unterwerfung des eigenen Willens unter den eines Führers, der alle in den Untergang führt. Wie der Regisseur das Kollektiv in Szene setzt, ist frappierend: Skulpturen aus schweißglänzenden Männerkörpern, das Schwanken der Mannschaft im Rhythmus der Wellen, die immer wieder neu arrangierten Männlichkeitsrituale mit erotischem Anhauch.

Starke Bilder im dunklen Magieraum von Matthias Koch. Weit weniger überzeugend die Szenen, in denen die Schauspieler aus der Masse Mensch hervortreten, um sich in philosophischen Reflexionen zu ergehen oder ebenso ausschweifend das Wissen über den Walfang auszubreiten.

Ins Innere von Melvilles schier grenzenlosem Universum stößt die Aufführung nicht vor, aber sie wartet mit einem Schluss auf, der eine Ahnung gibt vom großen Rätsel dieses Romans. Es ist so, als käme sie aus dem Nichts, die Schar von Männern, die im Finale plötzlich die Bühne bevölkern. Sie mischen sich unter die acht Protagonisten, man redet in vielen Sprachen der Welt, man wartet, nun eine große Gemeinschaft, auf den weißen Wal. Erst eine hoch aufschäumende schneeweiße Fontäne, dann nachtschwarze Dunkelheit.

Die von Moby Dick leck geschlagene Pequod versinkt. Und alle werden mit in die Tiefe gerissen, auch Ismael, Herman Melvilles Ich-Erzähler, der sich im Roman als Einziger retten kann. Nunes beschwört den totalen Untergang — oder ist es doch nur ein Knalleffekt aus dem Theaterlabor eines Regisseurs?

Nächste Aufführungen: 18. und 28. September, 20 Uhr. Kartentelefon: (040) 32 81 44 44

Hermann Hofer

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