Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
So nah — als wär‘ man da

Kiel So nah — als wär‘ man da

Premiere für Puccinis „Tosca“: In der Kieler Oper ersetzen technisch brillante Video-Projektionen das Bühnenbild,.

Kiel. Bedrohlich tief ziehen die Wolken über die Brüstung der Engelsburg. So schlecht war das Wetter in Rom lange nicht. Aber das 3-D-Tief passt zu der allseits tödlichen Story, die Sonniges allenfalls kurz als Hoffnungsschimmer im Morgengrauen kennt. Der italienische Videokünstler Luca Scarzella hext die römischen Originalschauplätze von Giacomo Puccinis Melodramma „Tosca“ auf die Kieler Opernbühne, zunächst als eher bescheidenen Ausschnitt einer Seitenkapelle von Sant‘Andrea della Valle, dann frappierend aufgezogen ins Total der imposanten Theatertinerkirche und schließlich virtuell zum Niederknien im klerikalen Finale des ersten Aktes.

Scarpias Palazzo wird zum Dreh- und Angelpunkt von Folter und Verfolgung, das Kreiseln und Verschwimmen seiner Wände zum Ausdruck des Psychodrucks, der auf Tosca lastet. Und auch für die Engelsburg, für die innerliche Rückblende des zum Tode verurteilten Mario und den tödlichen Sturz der Titelfigur hält Scarzella überzeugende, technisch hervorragend umgesetzte Projektionen bereit.

Die nur bedingt geglückten Kostüme von Otto Krause, ein Lounge-Sofa und die immer wieder auch mit Schwarz-Weiß-Ästhetik spielende Optik transferieren die Handlung in die Film-Epoche des italienischen Neorealismus — ohne weitergehende Konsequenzen allerdings. Auch was Perfektion und Binnenspannung angeht, kommt die Personenführung von Lukas Hemleb an das hohe Niveau der Videotechnik nicht heran. Der in Frankreich lebende deutsche Regisseur bietet über weite Strecken nur bieder-solide Opernkonvention. Nebenfiguren, mögen sie auch noch so gut gesungen sein wie der Messner von Marek Wojciechowski, geraten bisweilen sogar in Gefahr, zur Karikatur zu verbiegen. Einziger Regie-Einfall zum Überdenken: Tosca schreitet nach dem Notwehr-Totschlag am Polizeichef Scarpia in die ungewisse Leere der plötzlich nackten Bühne.

Dem hohen Wirkungsgrad von Puccinis perfektem Drama können jegliche Einschränkungen gleichwohl nichts anhaben. Zumal dann nicht, wenn die Sänger der Hauptpartien überzeugen. Agnieszka Hauzer gibt der Titelpartie eine flammend leidenschaftliche, auffällig junge Note. Die Sopranstimme hat an Größe und Farbe noch gewonnen, spannt ohne Larmoyanz die Bögen in der Arie „Vissi d‘arte“ und unterscheidet packend zwischen Eifersuchtsgeplänkel, Panik und Entschlossenheit. Yoonki Baek ist sicher kein typischer Verismo-Cavaradossi, der einen mit „Victoria“-Rufen in die Premierensessel drückt. Dafür ist die helle Tenorstimme zu wenig heldisch geerdet im Brustregister. Aber der Koreaner singt die Partie souverän, strahlend und sympathisch emphatisch, in der Sternen-Arie als Echo des beachtlichen Sängernachwuchses (Johanna Kahlcke als Hirtenknabe) auch berührend innig.

Mit Gevorg Hakobyan hat er einen auch stimmlich übermächtigen Gegner als Scarpia. Der Armenier, zuletzt Kiels Nabucco im Sommertheater, beeindruckt wieder mit gewaltig gewalttätiger Baritonpräsenz und gefährlich intensiv strömender Legatokultur. Sein holzschnittartiges Mussolini-Agieren passt gut zu dem selbstsüchtigen Menschenverächter, vor dem ganz Rom zittert. Nicht einmal im Te Deum, das der Opern-und Extrachor mit dem Kinder- und Jugendchor (Einstudierung Lam Tran Dinh und Moritz Caffier) mächtig brausen lässt, ist er zu überhören.

Der Fokus auf „Tosca“ ist noch in einem anderen Bereich brillant scharf gestellt: im Orchester. Daniel Carlberg, Kiels neuer Stellvertretender Generalmusikdirektor, kann auf die ungewöhnlich engmaschige „Tosca“-Erfahrung (vorangegangene Premieren: 2007 und 2012) der Philharmoniker aufbauen und mit herrlich nervösem Drängen alle kleinen und großen Thriller-Effekte in Puccinis Meisterpartitur elektrisierend forsch und spannend heranzoomen. Ein sehens- und hörenswerter Abend.

Christian Strehk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden