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Solidarität mit Wut und Witz

Hamburg Solidarität mit Wut und Witz

Thalia-Schauspieler lesen Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ mit Flüchtlingen in der St. Pauli-Kirche.

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Vereint unterm Kirchendach: afrikanische Flüchtlinge und Schauspieler des Thalia-Theaters unter einem Foto von Elfriede Jelinek.

Quelle: Foto: dpa

Hamburg. „Wir leben. Wir leben.“ so lakonisch beginnt „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek. „Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat.“ Das Textungetüm der Literaturnobelpreisträgerin wurde jetzt in einer Urlesung von Schauspielern des Hamburger Thalia-Theaters mit und vor denen, von denen es handelt, vorgetragen: Flüchtlingen aus Afrika, die seit Juni in der St. Pauli-Kirche kampieren.

Die jungen Männer, die aus Westafrika stammen, sind während des libyschen Bürgerkriegs, als alle Schwarzen bedroht wurden, auf die italienische Insel Lampedusa geflüchtet. Die italienischen Behörden schickten sie mit Visa für den Schengenraum nach Nord- und Mitteleuropa. 300 von ihnen gelangten so nach Hamburg, 80 nahm St. Pauli-Pastor Sieghard Wilm unters eine Obhut.

„Die Schutzbefohlenen“ gibt den Flüchtlingen eine Stimme — viele Stimmen. Jelinek hatte die afrikanischen Flüchtlingen, die Kirchenasyl in der Wiener Votivkirche fanden, vor sich, als sie ihren Text schrieb, doch er passt bestens auf die Hamburger Gruppe und ihre ungeklärte Situation. Mit Wut und ihrem bekannten Witz („Ihr Gott endet dort, wo unsrer anfängt“) formulierte die Autorin eine Klage gegen das Asylrecht und Hartherzigkeit der Behörden.

In der voll besetzten St. Pauli-Kirche trugen zwölf Thalia-Darsteller den Aufschrei vor, darunter prominente wie Victoria Trauttmansdorff oder Sebastian Rudolph, Schauspieler des Jahres 21012. Auch Intendant Joachim Lux las einen Abschnitt, dazwischen sprachen und schrieen die Flüchtlinge selbst in ihren eigenen Sprachen kleine Textbrocken: „Wo werden wir übermorgen sein und danach? Wo? Wo?

Wo?“ Die Stimme der Jelinek beendete die Lesung mit einer Tirade gegen „das Ungerührtsein von Gerührten, von über Katzenvideos Gerührten, von Hundebabys Gerührten“, die sich abwenden von den Elenden, die fast die See vernichtet hätte. So lakonisch wie er begann, endet der Text: „Wir sind gar nicht da. Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da.“

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) übrigens sagt bei jeder Gelegenheit, es werde es keine Sonderregeln für die afrikanischen Flüchtlinge geben.

mib

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